Der zehnte Kreis der Hölle war im Todeslager von Omarska und Manjaca – unplagged by Poet Rezak Hukanović

Dieses Buch ist nur ein kleines Dekmal allen Gefol-terten und Ermordeten in den Todeslagern ( von Omarska und Manjača *) im härtesten Marmor gehauen und in meinem Herzen eingepflanzt.

Rezak Hukanović

  V O R W O R T

von

ELLIE WIESEL 

Dante hatte kein Recht. In die Hölle führen nicht neun sondern zehn Türe.  Rezak Hukanović führt Euch vor die letzte, zehnte, grausamste und grauen-voll herzzerreißende. Und wir wissen wo wir die finden werden.

Nach dem Rabbi Nahmann aus Breslau, dem großen Erzähler und Denker ist die Hölle nicht in der Welt die kommen wird sondern in dieser. Wir sollen nur auf die Ereignisse in Bosnien und Hercegowina während der serbischen Besatzung zu schauen und wir werden uns überzeugen, dass das die Wahrheit ist.

Dazu brauchen wir nur diese schrecklich rührende und in manchen Augen-blicken sehr schwehre Erzählung des Menschen der Zeitzeuge und Zeuge des Erlebten jener Unterdrückten und Vertriebenen in der blitzartigen Tragödie des ehemaligen Jugoslawien war.

Hukanović gibt Zeugnis über  Ereignisse voller Hass, Grobheit und Morde.  Aber die wird Sie nicht schlafen lassen. Wir müssen zugeben, dass diese Tragödie hätte vermieden werden können. Hätten nur der damalige Deutsche Kanzler Helmut Kohl  und sein Außenminister Hans Dietrich Gensch-er nicht  so schnell, zu schnell die Unabhängigkeit Kroatiens diplomatisch anerkannt und hätten sich die Westverbündeten seinem Druck widersetzt, und abgelehnt hätten seine Politik zu folgen. Wenn nur unser Land USA und unsere Regierung Klugheit und Mut gehabt hätte sofort zu intervenieren – wie viele Menschenleben wären gerettet gewesen?

Aber die Großmächte halten sich lieber abseits, auf Distanz. Die begreifen nicht das die Größe einer Nation nicht nur aus ihrer Macht ihrer Waffen besteht, sondern in ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zu handeln im Namen von ethischen Prinzipien, ohne die eine Gesellschaft nicht als zivilisiert gelten kann.                                                                                                                                Es ist besser die Vereinte Nationen nicht zu erwähnen.                             Gegründet um die Schwachen zu schützen, diese Organisation hat ihre ganze Schwäche  und Mangel an Initiative gezeigt, wenn es um Widerstand dem Aggressor egal welcher Art.                                                                                      Wir sollen uns nicht verstellen als ob wir nichts gewusst hätten was vor Ort abging. Wir wussten es! Die Medien kamen ihrer Pflicht gewissenhaft nach uns zu berichten. Wir waren bewusst der Grausamkeiten die dort geschahen: Vergewaltigungen, Folter und Entwürdigungen in Prijedor.               

Natürlich war es falsch, anfangs, zu übertreiben beim Vergleich dieser Verb-rechen mit den Verbrechen in Deutschland während des Holocoust. Omarska war kein Auschwitz. Nichts und nirgend kann sich mit Auschwitz vergleich-en. Aber das was in Omarska passierte war ernst genug gewesen um das Gewissen der Welt wachzurütteln um eine Intervention und Internationale Solidarität zu gerecht fertigen.

Deswegen sollte ein Muss sein dieses Buch zu lesen und  dafür zu sorgen dass es auch von anderen gelesen wird. Die Entstehung dieses Buches ist Ergebnis eines Albtraums über den großen Hass der Urahnen, des Hasses der ständig anwesend und überzeugend ist. Hier handelt sich um Menschen die sich gut kennen, sie waren Nachbarn die sich auf der Straße grüßten, und dann auf einmal  durch patriotischen und ethnische Fanatismus vergiftet zu Todes-feinden wurden.

Wie soll man dissen gnadenlosen Sadismus der Menschen erklären die bis gestern wie Brüder gelebt hatten mit ihren heutigen Opfern?

Woher kam solche Gier Menschen zu verletzen, zu erniedrigen deren einzige „Verbrechen“ sein Glauben an Muhamed und nicht an Jesus war?

In dieser Geschichte sind Szenen des Terror die nur Irrsinn schreiben kann. Durst, Hun-ger, bestialische Vergewaltigungen, Erschöppftheit, Dreck, Schläge, Beleidigungen, Schädelbrüche, aufgeschlitzte Bäuche, Abreißen von Genitalien, Vergewaltigung eines Mädels vor „Publikum“…

Diese Soldaten des Radovan Karadžić, ihre niederträchtige Ausdrücke, sie konnten nicht  aufhören mit Verletzung der Menschenwürde ihrer Gefangenen. Die Folterungen waren befohlen. Die Väter mussten bei der Tortur an deren Söhnen zusehen, und die Söhne schauten zu wie ihre Väter verbluteten.

Und da waren noch die „die nie wieder kamen“- das sind grauenvolle Geschichten die sich wiederholen beim lesen dieser Seiten.

Gleichzeitig  Stoßen wir hei und da auf rührende Momente. Gefangenen die sich gegensei-tig helfen, die Zerschlagene und Verletzte verbinden und sich dazu zwingen die Strbenden zu trösten. Wir lernen sogar den serbischen Soldaten kennen, der seine menschliche Würde behält der seinem alten Freund heimlich Brot und Suppe zureicht. So sieht es in dieser Hölle aus, da ist alles zu finden.

Der Autor schreibt auch über Manjača den Lager in der Nähe von Banja Luka. Ich habe Manjača besucht. Dort lernte ich den Lagerkomandanten Božidar Popović kennen. Ich hatte die Gelegenheit mit den erschöpften Lagerinsaßen zu sprechen, die in jener Dunkelheit Worte sprachen die manchmal nicht zu verstehen waren.

Am Ende wurde sie befreit. Ihre Schergen und Leute dieser Lager wurden für Kriegsver-brechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und verurteilt.

Und während ich diese Zeilen schreibe, scheint das schneller zu gehen, zum Glück gilt der Daytoner Vertrag noch..                                                                                                                    Am Ende, kann ich das Bild jenen Menschen vergessen, den Gefangenen, der beim Verla-ssen des Lagers weinend die Worte spricht:

Gott, Du sollst es ihnen nie vergeben.

Vorwort für die Englische Ausgabe – Washington 1994.

Elie Wiesel ist ein Schriftsteller, Humanist Träger des Nobel-Friedenpreises 1986. Er ist Autor von 57 Werken einschli’lich das Buch „Die Nacht, geschrieben anhand seiner pers-önlichen Erfahrungen im zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern Auschwitz, Buna und Buchenwald.

In diesen Lagern war er gefangen gehalten von Januar 1944 bis zur Befreiung von Buchen-wald am 11. April 1945. Seine Häftlingsnummer  in KZ Auschwitz war A-7713 auf seinem linken Unterarm eintätowiert wie bei allen Gefangenen von Auschwitz.

Elie Wiesel wurde von seiner Mutter und Schwester getrennt und sie wurden grauenvoll in Gaskammern umgebracht gleich nach der Ankunft.

*******

Sonnabend

30. Mai 1992

Sonniger Tag

Rezak war erst gegen halb Zehn aufgewacht. An Wochenenden pflegte er nicht so früh aufzustehen, liegt meistens noch herum, sieht fern, irgendwelche Wiederholungen oder hört Musik aus dem Radio. Er wäre auch an diesem Morgen nicht früh aufgestanden, wäre noch lange im Bett geblieben und hätte mit dem jüngeren Sohn Deni gespielt, aber er wur-de durch gewaltige Schießerei geweckt, die draußen zu hören war, ganz in der Nähe, viel-leicht von Skela, vom Nachbardorf oder noch näher, hier hinter benachbarten Gebäu-den.

Im ersten Augenblick schien ihm als ober das alles träumen würde, als  ob das eine Reise in die Unwirklichkeit sei, in etwas wovon Rezak von seinem verstorben am Vater, der durch die Hölle eines Deutschen KZ im zweiten Weltkrieg gegangen war, oft gehört hatte. Rezak mochte nicht diese Erzählungen über dem Krieg und als der Vater damit wieder mal anfing, ging er irgendwo raus oder ins Nachbarzimmer um die Geschichten nicht hören zu müssen. Einmal ist Rezak doch geblieben und lauschte als der Vater von seiner Lagerfreundschaft mit einem Djoka Farkaš, offensichtlich einem Ungarn, erzählt hatte, und die Leiden die sie gemeinsam geteilt hatten in einem Deutschen Lager, eine gekochte Kartoffel halbierten als Tagesration, wobei sie den ganzen Tag die schwersten physische Arbeiten verrichten mussten.

Später kamen demRezak diese Bilder aus Vaters Erzählungen in den Traum, er wachte  schweißgebadet auf, zitterte und saß lange auf dem Bett und versuchte sich selbst darin zu überzeugen, dass das nur ein schlechter Traum war. Danach legte er sich wieder hin mit Licht an und Bildern aus Vaters Erzählungen.

Aber diese Schießerei und MP-Salven draußen, das war jetzt offensichtlich kein Traum? Und er verspürte die gleiche Angst  die ihn nach Vaters Erzählungen aus dem zweiten Weltkrieg aus dem Schlaf riss.

Obwohl er sich in der letzten Zeit, obwohl ungewollt sich an die Kriegsgeschichte ein wen-ig schon gewohnt hatte, weil man in jenen Tagen viel über die Zisammenstöße in Kroatien erzählt hat. JNA ( Jugoslawische Volksarmee* AL ) hatte ihre Kasernen überall gehabt, so auch in Kroatien und die wurden oft von den bewaffneten kroatischen Einheiten angegri-ffen. Dort waren schon die ersten Opfer gefallen. Man kommentierte den Vorfall in Split ob man jenen jungen Soldaten der JNA hätte gerade so angreifen sollen auf dem Panzer in der Kolone die durch die Straße fuhr? Die Szenen wie er erwürgt wird liefen in allen Fern-sehnachrichten an jenem Tag, aber auch später, mit Verurteilungen  oder Gerechtfertigu-ng dieser Tat, abhängig davon aus welchem Sender der Beitrag gezeigt wurde. Ob in Lipik und Pakrac zuerst die Serben oder die Kroaten geschossen hatten? Sollen die Muselmanen den so massiv die Reihen der JNA verlassen, wie das schon täglich in ganz Jugoslawien geschah?                                                                                                                                                Der meist gesehen, und am realsten in der gesamten Berichterstattung über die neu ent-standene Situation war damals doch der Sender TV Jutel.

Gerade vor kurzem sah man in den Nachrichten des TV Jutel einen jungen Soldaten der JNA aus der Umgebung von Tuzla, den man in voller Kriegsausrüstung  irgendwo im Kriegsgebiet zwischen Kroatien und Slowenien aufgenommen hatte, wie er in die Kameras sagte: „Wie ich das hier verstehe als ob die Slowenen sich von uns abspalten wollen und wir tun so als ob wir es nicht erlauben würden“.

Obwohl manchen das zuerst sogar ein wenig sympathisch aussah, spiegelte das die ganze Angst in den Augen eines jungen Mannes, Neunzehnjährigen, gefangen in der Uniform der JNA mit dem Gewehr in der Hand als Opfer der ganzen hirnlosen Politik.

Über das alles wurde lange diskutiert in den Kaffeebars bei Ami, Asaf, bei Misa in „2M“ oder bei „Toli“, wo Rezak am liebsten einkehrte.

Manchmal, während sie in einem Biergarten von Prijedor gesessen hatten, konnte man auch stärkere Detonationen aus der Richtung Dvor na Uni, Kostajnica oder noch weiter hören. Aber, das ist dort in Kroatien, zagte man, das ist von uns weit entfernt. Aber gerade in jenen Tagen fing almählich auch in Prijedor nach Schießpulver zu riechen. Man konnte in der Stadt immer öfter bewaffnete Soldaten unter vollen Kriegsausrüstung mit unterschiedlichen Hoheitszeichen an ihren Uniformen sehen. Das  waren meistens die vom Kriegasplatz in Kroatien die auf Kurzurlaub gekommen waren ihre Familien zu besuchen, oder andere Aufgaben zu erledigen hatten.

Rezak horchte kurz auf, in der Nähe eine PM Salve, dann einige einzelne Schüsse, dann ein längerer Feuerstoß als der erste. In der Pause  hörte man auch welche Stimmen aus der Ferne, Rufe. Er weckte seine Frau Alma und seinen jüngeren Sohn Deni. Der ältere Sohn Ari war an jenem Morgen etwas früher aufgestanden um zum Elijan zu gehen, dem Sohn von Rezaks Cousain, gleich hier im Haus nebenan um am PC zu spielen.

Rezak erinnerte sich nicht dass der jüngere Sohn irgendwann zuvor schon so früh wach war. Meistens dauerte sein Aufwachen bis zu einer Stunde, manchmal auch länger. Zuerst hätte  er faul die Augen geöffnet, schaute sich im Zimmer um, streckte sich einige Male, dabei die Arme hoch über den Kopf hebend und mit den Beinen machte er Bewegungen als ob er Fahrrad fahren würde, er schob die Decke weg. Danach gähnte er noch einige Male legte seine Händchen auf den Kopfkissen über den Kopf, schloss die Augen und es sah aus als ob er weiterschlafen wolle. Hielt so ein wenig stille, und danach schlug er wied-er faul die Augen auf, nur bis zur Hälfte, rieb die einige Male durch gähnte dabei noch und richtete sich auf in die Sitzposition. Danach kreiste er mit dem Blick durchs Zimmer, links und rechts und wenn er seine Mama oder Rezak nichts gesehen hätte, fing er laut nach ihnen zu rufen. Manchmal mussten sie lachen wenn Rezak und Alma in seiner Nähe waren und er sie zuerst nicht wahrgenommen hatte und laut zu rufen begann: „Mama! Tataaa“!

Jetzt konnte man in diesen kleinen Kindesaugen die Angst erkennen. Mit seinen Händchen umarmte er Alma und sah sie gerade in die Augen ohne dabei mit Wimpern zu zucken, als ob er sie fragen würde: „Mama, was passiert da draußen“. Alma ging zu ihm, streichelte ihn zu erst zärtlich über die Haare, und drückte ihn danach fest an sich und durch ihr Schweigen sagte sie alles. Sie fand keine Antwort die schon schon verweinte Äuglein des Kindes beruhigen könnten. „Mein kleiner Sonnenschein….“ es ertönte eine neue MP – Salve und unterbrach ihren nicht gelungenen Versuch dem Kind zu sagen was da draußen Ungewöhnliches geschieht, wobei sie auch selber in diesem Augenblick nicht wusste was sie dem jetzt schon weinenden Deni sagen sollte. Sie richtete ihren Blick in die Höhe wie zum Gebet, ließ ihre Hand auf das Gesicht des Sohnes, dessen Lippen schon zu zittern angefangen hatten und richtete ihren Blick voller Angst in Rezaks Richtung. Rezak wendete seinen blick zur Seite, erbebte ein wenig in den Schultern erhob sich vom Bett, zog sich schnell an und ging raus in das Wohnzimmer wo bereits sein Verwandte Fadil und seine Frau, Tochter und Sohn saßen.

-Hör Dir das an, das sind die Deinigen !- sagte der Fadil während Rezak rein trat, mit dem Finger auf Radio zeigend in der Zimmerecke, danach trat er mit einigen Schritten an den Empfänger heran und drehte am Knopf für die Regelung von Lautstärke. Rezak erkannte sofort die Stimme von der Senija, Sprecherin von Radio Prijedor, wo er bis vor kurzem selbst noch gearbeitet hatte.

“ Alle Bosniaken und Kroaten der Gemeinde Prijedor sind verpflichtet auf ihre Häuser oder Eingangstüre der Wohnungen Stücke aus weißen Laken zu hängen als Erkennungs-zeichen und das wird auch ein deutliches Zeichen der Jovialität der neuen Regierung in Prijedor…“                                                                                                                                          Rezak konnte sich das niemals träumen lassen, das dies alles in seinem Prijedor passieren wird.

-Warum gerade sie ?- fragte er sich. Von so vielen  Beschäftigten Serben im Radio. musste ausgerechnet eine Muselmanin diese  Nachricht lesen? Oder wurde sie vielleicht dazu gezwungen, oder…?

– Ihr Mann ist Serbe, wer weiß vielleicht musste sie wirklich.., versuchte Rezak seine, noch bis gestern, Kollegin zu entschuldigen.

Danach ertönte  eine komische Musik die zum Kampf auffordert, in den Krieg, und dann wieder diese Mitteilung, wieder die seltsame Musik, und wieder Sena´s Stimme.

Rezak konnte das nicht mehr hören, trat heran und machte das Radio leiser, drehte sich zum Fadil und  halb laut sagte:

„Ist dies denn möglich, was geschieht hier jetzt?

So viel Hass quillt aus diesem Radio hervor in dessen Studio Mikrofon Rezak noch vor paar Tagen, viele gern gehörte Sendungen, Liebesgedichte aufgesagt,  Grüße der liebenden Menschen weiter übermittelt hatte…

Wo verschwand diese ganze Liebe ?

Sind die Versen nur Schluchzen dieser verschreckten Menschen, diese MP Salven die von draußen zu hören sind, dieser  Hass in schwere Ketten der Schlaflosigkeit geworfen, diese alltägliche Todesangst.

In den letzten Tagen seit dem auf Prijedors Straßen geschossen wird schläft Rezak nicht  mehr im eigenen Haus, es ist nicht sicher, sondern hier bei seinem Cosain Fadil, im Haus gegenüber. Mit einer Seite ist Rezak´s Haus  der Hauptstrasse zugewandt und mit der anderen, unbeleuchteten Seite schaut in das dichte Akazienwäldchen, das sich obwohl im Stadszentrum wie ein dichter Wald anfühlte.

Gerade gestern Abend von der anderen Seite des Akazienwäldchen, aus dem Dorf Pećani hallten Schüsse herüber, etwas öfter und etwas stärker als sonst üblich. Rezak konnte da-nach lange nicht einschlafen. Er konnte nicht begreifen, dass das in Prijedor passiert, in der Stadt die von allem am meisten geliebt hatte. Er erinnert sich noch an die Schießerei  am letzten Silvester. Aus Pećani hallten Salven aus allen Arten von Waffen bis zum Morg-en. Als ob sie sich darin messen wollten wer die längere Salve abfeuern wird, wer die stär-kere Waffe ans Fenster oder aufs Balkon seiner Wohnung um  den Himmel über Krajina und seine Stadt damit zu zerreißen. Leuchtkugel von unterschiedlichsten Farben verzier-ten noch lange den Himmel.

Schon damals deutete das an nichts Gutes.

Eines Morgens erblickte Rezak am Schlafzimmerfenster, das  zum Akazienwäldchen scha-ute und Siedlung Pećani ein Loch von einer Kugel. Der Schuss ging durch das herunterge-lassene Plasterollo und durch beide Scheiben und steckte  in der Wand über dem Bett, we-nige Zentimeter neben dem großen Spiegel. Rezak wusste dass das jemand nicht mit Absicht genau in sein Haus geschossen hatte, dass diese Kugel sich von irgendwo verirrt hatte. Er tat niemandem was zu Leid und die Politik interessierte ihn nicht, besonders nicht die jetzige. Langsam wurden ihm die politische Reibereien zwischen den Serben und Muselmanen ( von Kroaten gab es wenige in dieser Gegend ) ein wenig unbegreiflich, manchmal auch komisch.

In Muselmanen und Serben teilten sich seine Kumpel nur dann wenn sie am Fluß Sana, während der warmen Sommertagen Fußball gespielt hatten. Solche Fussbalspiele, hat fast täglich  der Eko, der Stadtspaßvogel und Kneipensänger organisiert, der in jedem Augenblick den Platz zum Spaß suchte, manchmal auch auf eigene Rechnung. Manchmal gewannen die Serben, manchmal die Muselmanen, aber immer endete das beim Kasten Bier und gutes Gegrilltes, den nur Eko hervorragen zubereiten konnte. Natürlich  zahlte die Mannschaft die verloren hatte das Essen und die Getränke. Bei so manchem Glas stimmte man ein, so leise für die eigene Seele. Eko hätte damals zu Gitarre gegriffen und fast immer fing er an it jenem Lied von Toma: „Unter der Palme am Meersstrand…“

„Ispod palme na obali mora“

Sie blieben bis tief in die Nacht, bis sie die Frische der Sana Nähe nicht verjagt hätte. Danach ging es weiter in „Biser“ oder „Babilon“. Eko griff dann zum Mykrofon und die anderen stimmten mit in sein Lied ein und sie sangen alle wie ein Chor mit dem Glas in der Hand.

Aber das waren jene Zeiten.

Jetzt haben die Serben die Macht übernommen in Prijedor und ziehen ihr schon erkenn-bares, ständiges  Szenario durch, der in den Orten von Ostbosnien schon angewandt wur-de. Über dortige Geschehnisse hatte man aus den Schreiben und Berichten der Medien aus Sarajevo lesen können. Die meisten Informationen in jenen Tage kamen über die Ereigni-se in Bijeljina, Brčko, Zvornik…

Dort hatte es schon Tote gegeben.

Durch die Stadt liefen täglich bewaffnete Soldaten in bis dahin nicht gesehenen Uniform-en, mit unbekannten Hoheitszeichen drauf,  mit Kokarda drauf und langen Messern am Gürtel. Sie haben an allen Zugängen in die Stadt Barrikaden errichtet ( mit schon gängig-em Terminus „balvan revolucija“)  und hielten und kontrollierten jedes Fahrzeug. Eines Morgens wurden über das Rathaus und Polizeigebäude und am Hotel „Prijedor“ serbische Fahnen gehisst.

In seiner ganzen Geschichte hat Prijedor einen derartigen Waffengang nicht erlebt gehabt.

Erschrocken schwiegen die Einwohner, schlossen sich in ihre Häuser und Wohnungen ein und warteten in Angst was  weiter geschehen wird. Die mit dem meisten Optimismus, zu denen auch Rezak gehörte sagten:

-„Dieses wird nicht lange dauern, wird vergehen…“

– „Aber hier hatte jemand bereits eine MP-Salve auf den Frieden abgefeuert, und das wird für eine lange Zeit nicht vergehen.“- pflegten die weniger optimistisch waren zu sagen. Diese Situation währte in Prijedor schon längere als einen Monat. Alle Bosniaken und die wenige Kroaten in Prijedor erhielten ihre Kündigungen, die Fabriken wurden geschlossen, die Schulen waren zu. Die Serben eroberten und besetzten die meisten Radio- und Ferns-ehsender und sendeten nur ihr Programm.  Die Zeitungen, die serbische ausgenommen, hörten auf zu erscheinen oder konnten in der Stadt nicht gefunden werden. Es entstand eine totale Medienblockade.

„Der Kampf um die Übermacht“, sagte Rezak nur so für sich.“ Für mich geht auch so wenn es so bleibt“.

Mit seinem Leben bis dahin war Rezak zufrieden: Haus, Auto, gutes Einkommen, Frau und zwei Söhne, der ältere 16, der jüngere Anfang 12 Jahre. Die Beziehungen zu Frau war nicht gerade die beste. Rezak hat schon das Leben vor seiner Heirat genossen, mehr als man von einem verheirateten Vierzigjährigen erwarten sollte und durfte, musste er zugeben.

Man sah ihn oft in den Kaffeebars mit Glass in der Hand  mit jüngeren Kumpels. Oft waren auch Frauenklicken dabei, was seiner Frau Alma gar nicht gefiel.

Sie war wütend, aber meinte sie- Kinder sind da, vielleicht wird sich das legen.

In den letzten Tagen ging er nicht mehr aus dem Haus. Seit dem am vorigen Sonnabend die Armee Hambarine beschossen hatte, das Dorf 5-6 Kilometer von Prijedor entfernt, verbrachte er die ganze Zeit zu Hause, mit Familie. Er sah Filme im Fernsehen an, manche schon mehrmals, spielten „Bela“ mit Nachbarn und Verwandten.

Er hatte gemerkt dass die Nachbarn und Verwandten früher nicht so gegenseitig besucht hatten wie in der letzten Zeit.

Auch in dieser Nacht wurde bis spät in die Nacht „Bela“ gespielt beim Cusain Fadil und er blieb mit den Seinigen zum Schlafen da. Da das Haus von Fadil seinem  gegenüber stand, konnte er sein Haus durchs Fenster sehen, wen dort was Ungewöhnliches aufgefallen wurde.

Manchmal zieht die Ahnung sie Wirklichkeit hervor, und das war ausgerechnet an jenem Morgen der Fall.

Der Verwandte Fadil klopfte an die Tür des Zimmers worin die geschlafen haben und sagte dass im Lokalsender gemeldet wurde dass Prijedor seitens „muselmanischen Extremisten“ angegriffen wurde. So sagen die vom  Rundfunk.-

Danach wiederholten sie das einige Male.

„Die Einwohner werden gebeten in ihren Häusern oder Wohnungen zu bleiben, und wegen eigener Sicherheit nicht in die Stadt zu gehen“, wiederholten die im Radio alle zehn Minuten.

Der Tag war sonnig und warm, echte Frühlingstag der nichts Gutes mit sich brachte. In der Luft fühlte man eine Art von Spannung  und eine Vorahnung kreiste wie Schaar schwarzer Raben über der Stadt.

Seit langem, fehlte den mit Medien durchgespülten Gehirnen wenig um die Grenze eines normalen Benehmens zu übertreten. Die Menschen versuchten sich gegenseitig davon zu überzeugen das einem  etwas Böses in diesen Landstrichen zustoßen wird, aber selbst gla-ubten ihren eigenen Worten nicht. Sie wussten das dort, in Sarajewo, Bijeljina… schon echter Krieg geführt wird.

-„Das ist weit weg“,-redeten sie.

-Das hier ist Podkozarje, hier leben die Menschen seit Jahrzehnten in Eintracht.

Aber, dieses Paradieren bis auf die Zähne bewaffneten Personen, mit unterschiedlichsten Hoheitszeichen auf ihren Uniformen, versprach nichts Gutes für diese Stadt und ihre Bürger. Man wusste auch dass nur die Serben bewaffnet waren, alle, sogar die Kinder. Auch die Jüngsten haben manchmal im Spiel mit Gewehren und Pistolen versucht wahre Kämpfer  nachzuahmen.

Die bunte Uniform, MP mit mindestens zwei übers Kreuz verbundenen, Messer am leder-nen Soldatengürtel und einige Handgranaten waren wie Personalausweis des Serbentums. Nur ein bewaffneter Serbe , war ein echte Serbe. Alle anderen waren gegen sie, gegen ihren Staat „Republika Srpska“ die sie bereits ausgerufen hatten, obwohl alle wussten, dass das reine Utopie war, einen Staat zu haben im Rahmen bereits international anerkannten Staat Bosnien und Herzegowina.

Die neue Macht hatte mit ihren Zwangsmaßnahmen, als Beiprodukt jener unglücklichen Zeit zwang alle Nicht – Sereben zur Untertänigkeit und Gehorsam, aber die die ihr treu folgten hatten die Regel eines normalen menschlichen Benehmens bis zum Absurd verzerrt mit einer echten Wonne alle Befehle der neuen Macht befolgend.

Für die war Bosnien und Herzegowina eine ehemalige Republik und das wurde zum stän-digen Terminus in allen serbischen Medien, Fernsehen Banja Luka, Fernsehen Pale, echten Lügenfabrik, und Tageszeitung „Stimme“ aus Banja Luka die später in „Serbische Stimme“ umgeändert wurde.

In jedem Krieg wird zu erst die Wahrheit getötet, das wusste Rezak sehr gut, und hier war sie seit langem tot.

Auch das Lokalblatt „Kozarski list“ war nicht minder serbisch. Jeden Freitag, in einer Schlange vor allen Zeitungskiosken wurden frische Lügen verkauft. Der Chefredakteur des „Kozarski vjesanik“, Gott und der Schläger, der sich mehr als Schläger entpuppen wird, Mile Mutić und seine  Glaubensbrüder und Gleichgesinnte, Zivko Ećim und Rade  Mutić, hiesige Schreiberlinge, die sich als Journalisten nannten, produzierten Lügen in drei Schichten.

Mile Mutić, ein böser Mensch, charakterloser Journalist, Poet, Offizier der ´JNA-Reserve , und wer weiß was er noch alles getrieben hatte, täglich drohte er über Radio der nicht serbischen Bevölkerung, forderte sie auf die Waffen herauszugeben, sogar die legal ange-schafften.

Niemand außer der Serben durfte eine Waffe besitzen. Er betrieb Hasshetze gegen alles was nicht serbisch war.

Dieser Mensch, wenn man ihn überhaupt so bezeichnen kann, hatte manchmal das Bed-ürfnis Gedichte zu schreiben, obwohl er nichts poetisches in sich trug.

Er geilte sich über  die fremde Not, niedrigen Wünschen andere zu entwürdigen, zu entehren und hat geholfen dass die Geschichte dieser Stadt, Potkozarje  und deren Menschen verzerrt und besudelt wird.

Ja, ich sagte Menschen.

Eine neue Geschichte seines Volkes, sah er nur im Blutvergießen von jenen anderen, die zahlreicher waren, in ihrer totalen Ausrottung und verschwinden von deren nun hundert-jährigen Heimschwellen. Seine dichterische Phantasie münzte er um in die absurdeste Wirklichkeit.

Dafür hatte er die brutale Unterstützung der lokalen serbischen Behörden. Und die Moral und die journalistische Ethik? – Nun das war für ihn weniger wichtig.

Rezak mochte ihn irgendwie nicht, uns sehr oft, als er noch früher beim Lokalblatt und Lokalradio arbeitete, begegnete er diese bärtige Gestalt von ca hundert Kilo, mit einer Pfeife im Mund und einer Ledertasche über der Schulter.

Rezak erkannte auch an jenem Morgen seine Stimme im Radio, der mit seiner „Autorität“ einige Male die Mitteilung des Kriesenstab, dem er auch selbst angehörte, wiederholte. Zu wievielten Mal  an jenem Tag wiederholte er mit seiner heiserer Stimme dass Prijedor  seitens den „extremen Muselmanen“ angegriffen wurde und forderte die Bürger auf ihre Häuser nicht zu verlassen und allen im Namen des Krisenstabes versprach er Sicherheit und Geborgenheit. Er wiederholte auch noch den Aufruf, den später auch die Sprecherin Sena verlass, dass alle loyale Bürger eine weiße Fahne oder Flagge hissen auf einer sichtbaren Stelle ihres Hauses oder Wohnung. Auch die kleinen Kindern wussten schon was die Fahne  bedeutet.

Rezak trank seinen gewöhnlichen Mocca, steckte sich eine Zigarette an und zog einige Male daran, er konnte einfach nicht glauben was er gerade im Lokalradio gehört hatte. Von Zeit zur Zeit warf er einen Blick durchs Fenster zu seinem Haus hinüber und ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf. Durch das andere Fenster schaute er  zum Nachbargebäude das etwa 3o Meter entfernt war und erblickte zwei bewaffnete Soldaten mit Gewehr in der Hand auf dem Dach des Gebäudes. Von Zeit zu Zeit wurde in Richtung  Skela und Berek geschossen…

-Denen ist nicht zu glauben, – kommentierte Rerzak und rückte den Tisch an dem sie saßen vom Fenster weg. Seine Frau Alma war über die Straße in ihr Haus gegangen um das Frühstück zuzubereiten. Die Kinder hatten die Gewohnheit sobald sie aufgestanden sind was zu essen, so hat sich auch Rezak auf regelmäßigen Frühstück gleich nach dem Aufstehen und Waschen gewöhnt. Nicht lange danach kam Alma zurück und breitete das vorbereitete Frühstück auf dem Tisch aus. Fadils Frau hantierte  etwas am Herd, bereitete auch sie was zu essen und dann setzten sich alle zusammen an den Tisch und frühstückten. In der Stadt hörte man weiterhin MP-Salven.

In einem Augenblick schaute Fadil hinüber zu Rezaks  Haus und sagte:-Sieh mal, da sind welche Soldaten um Dein Haus!

Rezak schob ein wenig den Vorhang vor dem Fenster zur Seite und sah zwei maskierte Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet, wie sie sich  in halb- knienden Stellung mit Gewehren im Anschlag an den Haupteingang seines Hauses heranschleichen. Im gleichen Augenblick rumste etwas im Flur des Fadilss Hauses und gleich danach öffnete jemand mit kräftigen Tritt die Tür des Zimmers in dem sie sich befanden. Rezak drehte sich um und sah einen Soldaten im Tarnanzug und komischen Farben im Gesicht. der wie eingerahmt nun in der Türöffnung stand mit dem Gewehr im Anschlag dessen Lauf in ihre Richtung zeigte.

-Habt ihr Waffen? – fragte er.

Sie, mit versteinerten Blicken, wegen der unerwartet entstandener Situation in die sie geraten waren, konnten kein Wort rausbringen.

-Hört ihr? – jetzt schrie er schon: – Waffen, habt ihr oder nicht?

-Haben wir nicht, Bruder,- antwortete Fadil als Erster.                                                                   -Ich bin nicht dein Bruder, wir können auch niemals Brüder werden, und Du? – und zeigte mit seiner Kinnspitze auf Rezak.

-Habe keine und hatte nie welche gehabt,- sagte Rezak, und in der Stimme hörte man große Angst.

Der Soldat, mit einem Blick voll von Misstrauen ging im Zimmer herum, um keinen Millimeter senkte er das Gewehr das in die Richtung derer zeigte die am Tisch saßen.

-Ihr beide müsst raus, sagte er im Befehlston und fügte hinzu:

-Es wird überall geschossen und wir bringen euch auf einen sicheren Ort, bis dies vorbei ist – und zeigte mit der Gewehrspitze Richtung Tür, dem Rezak und Fadil deutliches Zeichen gebend raus zu gehen. Als Erster erhob sich der Fadil und bewegte sich Richtung Tür, mit hoch gehobenen Händen trat er auf den Flur, über eine Stufe die sich vor der Eingangstür befand ging er raus auf den Hof. Der Soldat rückte ein wenig zur Seite und mit der Laufspitze folgte er seinen Weg und dabei achtete er auf jede Bewegung von Fadil, in jedem Augenblick bereit den Finger auf dem Abzug des Gewehrs zu krümmen.

Die Kinder weinten. Die Frauen schauten mit Blicken voller angst dem Ganzen stumm zu. Danach stand der Rezak auf auf, ganz langsam, um keine unvorsehebare Reaktion diesen maskierten Soldaten hervorzurufen. Er hob die Hände über den Kopf  mit ein wenig verlangsamten Bewegungen, weil er gewusst hatte was eine  schnelle Bewegung in einer Situation wie diese bedeuten kann, und bewegte sich Richtung Tür. Als er ganz nahe  am Soldaten war hielt er kurz inne und aus dem Augenwinkel sah er ihn an. Nein, er kannte ihn nicht.

-Hab keine Angst Rezak,- sagte  der Soldat leise, seinen Namen nennend.

-Es wird Dir nichts passieren- und Rezak kam es vor, dass ihn der Soldat sogar mit der Hand seine Schulter berührt hatte, damit seine Worte überzeugender wirken.

Rezak war überrascht als ihm dieser seinen Namen erwähnte, er sah ihn noch Mal an, jetzt direkt in die Augen, aber dieses maskiertes Gesicht konnte er nicht erkennen. Auch seine Stimme kam ihm nicht bekannt vor.

Er tat noch zwei drei Schritte und fand sich auf dem Hof. Dort wartete der zweite Soldat  in einer dunkleren Uniform und befahl ihm und Fadil voraus zu gehen, Richtung das Gebäude am Akazienwäldchen, zum ersten Eingang, und er folgte den beiden mit Gewehr im Anschlag auf sie gerichtet. Für diese hundert Meter brauchte man eine Ewigkeit. Fadil ging mit erhobenen Händen voraus, und Rezak hinter ihm her, der in seinem Rücken fast als schwrste Last auf ihn gerichteten Gewehrlauf des  gar nicht freundlich gelaunten Soldaten spürte. Um sie herum wurde überall geschossen, auch  Explosionen waren ab und zu zu hören und in der Luft schwebte Pulver- und Brandgeruch, man sah schwarze Rauchwolken.

Die Altstadt brannte.

Rezak verspürte das Bedürfnis sich noch ein Mal umzudrehen, einen Blick auf sein Haus zu werfen, um zu sehen was mit der Familie passiert aber.. er wagte sich nicht. Er hatte Angst, dass vielleicht sein letzter Blick sein könnte, er senkte seinen Kopf und schritt stumm dem Fadil hinterher.

Als sie sich einem der Eingänge in das Gebäude genähert hatten, der Soldat hinter deren Rücken ging zurück und der andere vor dem Gebäude forderte sie auf einzutreten. Sie betraten das Gebäude hintereinander und stiegen einige Stufen hinab, die zu den Kellern der Mieter des Gebäudes führten. Da, im halbdunkel des Kellers fanden sie noch einige Nachbarn, Muselmanen die bereits früher zugeführt wurden. Vor dem Eingang  tummelten sich andere Nachbarn, Serben, jeder  bewaffnet, aber ihre Gewehre hingen locker über die Schulter gehängt und wirkten nicht ein Bisschen bösartig, so sah das wenigstens auf den ersten Blick aus. Pero, der Mieter in diesem Gebäude, den sie alle sehr gut kannten, weil er im größten Fischladen der Stadt arbeitete weswegen ihn manche Pero der Fischer nannten sagte:

-Hier ist es am sichersten. Habt keine Angst. Ihr bleibt hier nur bis dieses nicht vorbei ist. Prijedor ist von Extremisten angegriffen worden, aber das wird sich schnell beruhigen.

Dan bot er jeden von uns der Reihe nach die Flasche mit  hausgemachtem Pflaumenschnaps, die sehr schnell von Hand zu Hand ging.

Alle kannten den Pero als einen guten Nachbarn und glaubten ihm, aber in jenem Augen-blick konnten sie gar nicht anders. Die Flasche mit Schnaps die so vom Mund zu Mund ging, um ein wenig die Angst zu verjagen oder die angespannten Nerven zu entspannen, war schnell leer.

Auch der Weg in die Hölle war mit guten Absichten gepflastert, Rezak wusste das.

Er steckte eine Zigarette an, bot die den Anderen an, zog sich ein Stück Pappe heran, der unter der Treppe lag, setzte sich drauf und zog nervös an seiner Zigarette und hauchte den Qualm um sich.

… Nur das Dieses bald vorbei ist…hallten ihm die letzten Worte die der Nachbar Pero ausgesprochen hatte. aber wann wird das vorbei sein?

Wie kann man das ende von Etwas erahnen, was gerade seinen Anfang nahm?

Nach etwa zehn Minuten brachten sie noch drei Nachbarn, Muselmanen, danach noch zwei und danach seinen Verwandten Fudo und seinen Sohn Elijan und mit ihnen auch Rezaks Sohn Ari, einen Sechzehnjährigen Jungen, aber für seinen Alter außerordentlich gut entwickelt. Das Leben war gerade dabei sich für ihn zu öffnen. Ari weinte bitterlich. Rezak trat an ihn heran, umarmte ihn und strich ihm über die Haare.

-Weine nicht mein Sohn, das  ist schnell vorbei. Du darfst nicht weinen, es ist eine Schande. Du bist schon groß,- sprach Rezak tröstend zu ihm.

-Papa ich muß, sie  haben….und Ari schluchzte noch lauter los.

Dem Rezak erfror das Blut in den Adern. Er dachte sofort an den jüngeren Sohn Deni, an seine Frau…Sein Gesicht wurde augenblicklich steinfarben. Wollte im ersten Augenblick rausgehen, nach Hause zu rennen um zu sehen was dort vor sich geht, aber er wußte dass das in diesem Augenblick nicht machbar sei.

-Wen? – es gelang ihn kaum zu fragen.

-Mein Sohn, wen haben die getötet?

Ari schluchzte noch einige Augenblicke, die wie die Ewigkeit waren, dann hob er seinen Kopf, drehte sich zum Vater umarmte ihn fest und mit weinender Stimme sagte er:

-Papa, die haben Lando erschossen,- und weinte bitterlich noch lauter los.

-Sie hatten die ganze Salve auf ihn reingeschossen.

Djemo wischte mit seinen Handinnenflächen die Tränen aus dem Aris verweinten Gesicht umarmte ihn noch stärker, danach steckte er noch eine Zigarette an pustete den Rauch hoch über die Köpfe aller und schluchzte schmerzvoll.

Dem Menschen unter Angst kann alles mögliche in den Sinn kommen, dachte er.

Lando war der Hund , Liebling der Familie, schwarzhaariger Dobermann, erst anderthalb Jahre alt, ein echter Schönling. Oft führte ihn Ari spazieren, zeigte ihn voll stolz seinen Kumpeln, spielte mit ihm durch die Parks, führte ihn zum Fluss Sana. Er brachte ihm bei auf Kommandos zu hören, Stock oder den Ball zu apportieren oder danach hochzusprin-gen. Beim Baden in Sana folgte er Ari auch in das tiefe Wasser. Er lief über den schmalen Steg  über den Kanal, sich auf Hinterbeine zu stellen und mit vorderen Pfoten sich auf Aris Brust zu stützen, ihn im Gesicht abzuschlabbern.

Rezak liebte diesen Hund, natürlich tat ihm sehr Leid, das die ihn getötet haben. Er umarmte seinen weinenden  Sohn und versprach ihm, dass er ihm eines Tages einen Hund wieder anschaffen wird der genauso aussehen wird, aber er ahnte schon damals dass bis dahin viel Zeit vergehen wird.

Inzwischen hatten sich unter der Treppe schon an die zwanzig Menschen angesammelt. Geholt wurden alle Rezaks Nachbarn, Muselmanen zwischen 15 und 70 Jahren.

Der Nachbar Pero schrieb später die Namen aller in eine Liste ein, forderte sie auf  das ganze Geld und Wertgegenstände die sie bei sich hatten ihm zu übergeben und versprach ihnen das alles wiederzugeben wenn dies alles vorbei ist. Die Menschen gaben alles ab, sie haben ihm geglaubt, sie konnten nicht anders.

Nach ungefähr anderthalb Stunden rief Pero den Rezak raus. Er sagte ihm der Polizist Bato Kovačević, den Rezak gut kannte, sucht nach ihm. Rezak  ging raus, und fand sich vor dem Lauf einer Kalaschnikow und keinesfalls freundschaftlich wirkenden Bata. Dieser befahl ihm die Hände hochzuheben und zeigte ihm mit der Bewegung des MP  sich in die Richtung des Polizeikombis zu bewegen, der am anderen Ende des Gebäudes geparkt war. Neben jedem der Eingänge sah Rezak seine Nachbarn, Serben stehen mit unterschiedlichen Waffenarten in den Händen. Bato öffnete die Tür des Kombi und warf ihn einfach in den hinteren Teil des Kombis wo schon einige von Rezaks Nachbarn bereit saßen, schob die Schiebetür zu und sperrte die ab. Darin waren schon Emir, Redzo, Mujo und andere Nachbarn aus entfernteren Häusern die Rezak nicht kannte. Bald sprang der Motor an und Kombi setzte sich in Bewegung. Kombi hatte keine Fenster, drinnen herrschte halbe Dunkelheit so dass sie nicht wussten wohin sie gefahren werden.

Die Fahrt war sehr kurz und nur nach einigen Minuten blieb der Kombi stehen. Sie öffneten die hintere Tür und sie gingen raus. Sie drehten mit Köpfen um die Örtlichkeit zu erkennen wo man sie hingefahren hatte. Um sie herum gab es  bewaffnete Polizisten und Soldaten in Tarnanzügen. Sie befanden sich im Hof des Polizeireviers im Stadtzentrum. Die Luft war  geschwängert mit dem Geruch von Schießpulver und verbrannten Dieselbrennstoff, das Brummen eines  Strommerzeugeraggregats war zu hören. In der Umgebung wurde geschossen. Auch manche Explosion war zu hören. Ihnen wurde befohlen mit erhobenen Händen  sich breitbeinig an die Wand zu stellen, gleich da neben dem Kombi. Dann kam ein Polizist und fing an  fluchend und und viele Schimpfworte gebrauchend, abzutasten und zu filzen genauso wie man das mit schweren Verbrechern und Vagabunden tut. Danach wurde ihnen befohlen alles aus ihren Taschen rauszuneh-men. Rezak hatte in einer Tasche eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug, in der anderen etwas Geld und Personalausweis. Er holte  alles raus und legte es auf das Fensterbrett vor ihm, so wie die ihm befohlen hatten. Sie nahmen ihm die Zigaretten und Feuerzeug weg, das Geld und den Personalausweis gaben die ihm erstaunlicherweise wieder zurück.

Sie blieben da so  eine halbe Stunde stehen und mussten verschiedene Schimpförter ertragen, manchen Schlag  mit dem Gewehrkolben in den Rücken und die Sonne, die erbarmungslos brannte und diese Lage noch schwieriger machte.

In dieser Position in der prallen Sonne zu stehen war sehr schwer. Dem Rezak rannte der Schweiß vom Gesicht herab, und Wiederschein der Sonne auf dem Fensterglas schlug ihm direkt in die Augen. Das dauerte doch noch länger und Rezak fühlte dass er es nicht länger aushalten kann, dass er fallen wird, zusammenbrechen…

Es fühlte wie alles im Kopf sich zu drehen anfing, wie ihm vor den Augen alles flimmert. Ein Knie ließ nach, er kniete nieder.  Er versuchte aufzustehen, aber  er hatte keine Kraft mehr. Ein Soldat traf an ihn heran, griff ihm unter die Arme und hob ihn hoch und bot ihm freundlich eine Dose Bier an, was den Rezak völlig überrascht hatte.

-Trink ein Bisschen, wird´s gleich besser,- sagte zu ihm der Soldat mit mildem Lächeln. Rezak war von dieser unerwarteten Handlung des Soldaten überrascht, er dachte zuerst dass es sich um noch eine Provokation handelte aber er streckte die Hand aus nahm die angebotene Bierkonserve, und nahm daraus zwei Schluck kaltes Bieres. Er ließ die Bierbüchse auf den Wandvorsprung an dem er  angelehnt war und dankte dem Soldaten ohne ihn dabei anzusehen um keinen Ärger zu initiren.

Er wagte sich nicht den Kopf umzudrehen, obwohl er furchtbar gerne gewusst hätte wer ihm in jenem Augenblick geholfen hatte.

Wie manchmal eine kleine Hilfe eines Unbekannten einem das Selbstbewusstsein und Glauben dass es überall gute Menschen gibt ud die Erkenntnis dass es sehr schwer ist manchmal gegen sein Gewissen zu handeln.

Sie standen in dieser Lage länger als eine Stunde, währenddessen die Soldaten um sie herum etwas untereinander tuschelten. Später wurden zu zweit treppauf geführt in die erste Etage wo man sehr bald Schlagen und Fluchen und Jammern der Geschlagenen hörte.

Sie kamen raus blutüberströmt mit schrecklicher Angst in ihren Augen.

So kamen Rezak und noch einer aus seiner Gruppe an die Reihe. Ein schmächtiger, bärtiger junger Mann aus der Nachbarschaft lief vor Rezak die Treppe hinauf auf der auf allen paar Meter ein gut bewaffneter Soldat oder Polizist stand. In den Händen  hatte jeder von denen einen Knüppel, einer  aus Gummi der andere aus Plaste aber gab welche aus Holz, sah Rezak beim Vorbeigehen aus dem Augenwinkel.

Seltsamerweise schlugen sie nicht auf sie ein, sie hielten nur die Knüppel und schlugen  nur leicht auf eigene Handinnenflächen und dabei hörte man schon den drohenden dumpfen Klang der Schläge.

Als sie  an der Tür die in die Kantine der Polizei angelangt waren, sagte einer zu Rezak dass er vor der Tür stehen bleiben soll und den Vordermann führte er gleich rein. Der Unglückliche drehte sich für einen Augenblick um, schaute Rezak an und in seinen Augen  drang ihm bis dahin unbekannte Angst. Der Wachmann zog ihm eine mit dem Knüppel über und schob ihn kräftig fluchend in den Raum. Die Tür war offen geblieben und Rezak konnte alles sehen was drinen passieren wird, und das schien von denen drin so beabsichtig gewesen zu sein. Sie fingen sofort an den Zugeführten zu  schlagen mit Knüppeln, Fäusten, Füßen und mit dem was gerade da war.

-„Majku ti tvoju“,- beschimpften sie und beleidigten seine Mutter, ohne Aufhören zu dreschen.

-„Wir beschützen Dich und Deine Familie und Du schießt auf uns. hattest einen MG-Nest in Deinem Haus“, – und schlugen noch stärker auf ihn ein.

Der man schwor auf seine Augen, auf seine Kinder, auf alles auf der Welt, dass er keine Waffen besessen hatte, weder er noch die Seinigen im Haus, aber das hilf ihm alles nicht, sie schlugen ihn weiter, es scheint noch heftiger. Über dem rechten Auge platzte eine Wunde, das Blut floss raus und nach weiteren Schlägen war sein ganzes Gesicht mit Blut überströmt. Das Gesicht dieses armen Menschen ähnelte jenen aus den schlimmsten Horrorfilmen. Das brachte die wütende Ungeheuer nicht zum Stoppen. Sie schlugen noch stärker, sein Blut spritzte auf ihre Uniformen, in ihre Gesichter. Das dauerte einige Minuten und dann auf ihn einschlagen warfen sie ihn vor die Tür wo Rezak versteinert stand und das alles beobachten konnte. Danach nahmen den Unglücklichen die anderen in Empfang, die nebenRezak da standen, schon ziemlich massakriert, mit sichtbaren Schwellungen im Gesicht und fuhren fort ihn zu schlagen in dem sie ihn die Treppen hinunterschleppten.

Und dann war Rezak an der Reihe.

Mit einer Handbewegung gab ihm ein Wachmann das Zeichen den Raum zu betreten. Rezak machte zwei drei Schritte, gerade genug die Mitte des Raumes zu erreichen, umzingelt von diesen wütenden wilden Tieren, die vor nur wenigen Augenblicken Rezak Nachbarn beinahe zerrissen hätten.

Für ihn überraschend statt den ersten Schlag erhielt er die Frage:

-Und jetzt erzähle Du uns in allen Einzelheiten alles was Du über den Angriff auf Prijedor weißt und wo Du während des Angriffs gewesen warst?

Djemo dachte einen Augenblick nach. Was soll er sagen? Daß er niochts weiß?

Die werden ihm nicht glauben! Sie werden ihm nicht glauben, dass er vom Angriff erst im Radio des Lokalsenders gehört hatte, aber es gab keine Zeit zum Nachdenken, ihm schien als ob sie kaum erwarten können loszuschlagen.

-Seit der Schießerei in Hambarine habe ich meine Familie nicht verlassen, seit einigen Tagen hatte ich das Haus nicht mehr verlassen. Ich  hörte die Weisungen aus dem Kriesenstab über Radio Prijedor bis zur Ankunft des Soldaten der mich zugeführt hat,- sagte Rezak fast in einem Atemzug. Er zog ein wenig den Kopf ein, ihre Reaktion erwartend, sein ganzer Körper wurde von einer gewaltigen Angst durchgerüttelt die er bis dahin nie gespürt hatte. Diese sichtbare Angst in seinem Gesicht dauerte einige Augenblicke, und das Schweigen schien in die Ewigkeit zu ziehen.

-Dieser ist loyal. – hörte Rezak eine Stimme hinter sich,

-Ich kenne ihn, Er hat bei Radio Prijedor gearbeitet.

Danach  kam der Träger dieser rettenden Stimme ganz nahe und schaute ihm dabei tief in die Augen. Rezak kannte ihn nicht, aber  er wußte dass diese einige Sternchen an den Schulterklappen, diese Situation unter sich hatten und über sein Leben verfügen..

-Weißt du wer von Deinen Nachbarn Waffen hatte?- fragte er.

-Weiß ich nicht, glaubt mir! Mich hatte es nie interessiert was der Nachbar hat und was er treibt. Viele habe ich gar nicht gekannt,- sprach Rezak  mit einer Stimme voll Hoffnungs-losigkeit wendete er sich dabei nur dem mit Abzeichen an den Schulterklappen, sich der Ausweglosigkeit der eigenen Lage voll bewußt. Die Stille währte nur einige Augenblicke. Durch den Raum der noch immer nach Blut und Schweiß gerochen hatte ertönte die Stimme mit Befehlston:

-Führt ihn ab.- befahl dieser „Boss“ und setzte sich an den Rand des Tisches der neben dem Fenster stand in dem er demRezak noch einen spotterfüllten Blick zuwarf.

Auch die mit Knüppeln an der Treppe standen schlugen nicht zu, als ob sie ein geheimes Zeichen erhalten hätten. Hier wußte man wirklich wer der „Boss“ ist uns wer das letzte Wort hatte, worüber sich keiner wagen durfte.

Djemo ahnte nicht, dass er erst durch die erste Tür der Hölle gegangen war.

Später wurden sie von irgendwelchen Reservisten maltretiert die von irgendwo gerade vorbeikamen, sie verlangten nach Geld und die Zigaretten, traten sie  heimlich, damit di die auf den Treppen mit Knüppeln in den Händen nicht sehen und nicht nach oben zum „Boss“ melden.

Danach befahlen die ihnen sich in zu Zweit hintereinander aufzustellen und führten sie die Kolone raus aus dem Hof des Polizeireviers und brachten vor das  Gerichtsgebäude der Gemeinde. Davor stand ein Bus für lokalen Stadtverkehr angelassen und mit der offenen vorderen Tür. Es wurde ihnen befohlen in den Buss zu steigen und ihre Köpfe zu senken, und dass sie nicht nach Außen schauen. Auf den großen Rückspiegeln des Buses hingen serbische Fahnen. Draußen war Schießerei, Zurufe, Kommandos und manche Explosion, und dass sehr oft und sehr nahe. Selten raste ein Auto mit großer Geschwindigkeit am Bus vorbei.

„Das ist ein echter Krieg“, dachte Rezak während er stumm auf den Boden des Busses starrte.

In Begleiten von Drei Soldaten die später zustiegen und sich auf vordere Plätze setzten, zu den Zugeführten und Zerdroschenen zugewandt fuhr der Bus an. Zuerst Richtung Unter-führung, dann rechts und dann nochmals rechts, danach links Richtung Celulose- und Pa-pierfabrik, und dann auf die Strasse die dicht am Strand  des Flusses Sana entlang führte.

Rezak erhob sich halb von seinem Sitz, hob den Kopf und warf einen Blich auf die Alte Stadt. Feuerzungen stiegen hoch aus den brennenden alten Dächern, aber dichter Qualm bildete in Wirbeln große  schwarze Wolken. Die Altstadt, die kleine Flussinsel mit seinen 50 Häusern, von Sana und Berek umklammert sah aus wie eine riesige Fackel.

-So werden allen von euch die Häuser brennen“ – sagte mit einer durchdringenden Stimme einer der Begleiter und Fluchte er laut.

Woher  so großer Hass in dem Menschen der mit Sicherheit nicht aus dieser Stadt ist, wenn er es wäre hätte ihn Djemo bestimmt gekannt? Brennt die Altstadt nur weil dieses altes Stadtteil von Prijedor, weil es von Muselmanen bewohnt war?

Rezak hob seinen Kopf für einen Augenblick  schaute verstohlen in Richtung Altstadt, schluchzte schmerzhaft in seiner machtlosen Verzweiflung und verspürte eine Ernidri-gung die fast nicht auszuhalten war. Ihm schwante dass er sich in seiner schwersten Stunde sich an dieses Bild der Altstadt in großen Flammen erinnern wird, eines der schönsten Stadtteilen von Prijedor. Mit diesem Stadtteil verbanden ihn viele Erinnerungen. Die erste Liebe begegnete ihm gerade da  an dem Kay neben Berek, erste Zigarette auf der Bank unter der Trauerweide deren Zweige bis zum Boden herunterreichten einen Kreis bildend in deren Mitte eine Holzbank stand. Gleich neben der Hängebrücke über Berek der in Sommermonaten immer versiegte neben der Betonmauer di das Grün des Parks vom Strand trennte warten noch einige solche  Holzbänke. Aber die unter der Trauerweide war irgendwie besonders, wie bestimmt für die die sich am meisten lieb hatten und verbarg die Geheimnisse der Verliebten.

Wie oft Djemo und seine Kumpels während ihren ausgelassenen Kinderspielen die Brücke unter den zufälligen Passanten, die gerade die Hänge Brücke überquerten über die enge Hängebrücke deren Konstruktion nur an einigen wenigen Stahlseilen gespannt war.

Von dort konnte man die breiten Anlegestellen auf beiden Seiten des Berek sehen, das Grün das in dem engen Pfad endete die an den Holzbänken vorbei führte, echte nächtliche Wanderpfade, die Konditorei von Rama, das Gebäude des Kulturvereins Mladen Stojanov-ić, Kino Mrakovica, Lovac, Zlatna Ribica, Sommergarten… Das alles strahlte irgendwie eine Schönheit aus, Düften des Glücks und warmen Musik.

Tanzabende auf Sommerpodium waren unvergesslich, nicht nur für die Einheimischen aus Prijedor sondern auch für die aus anderen Ortschaften die ihre Sommerferien in dieser schonen Stadt der Kraina.

„Wollen wir in den Sommergarten, heute spielen „Faraoni“ auf, Fadil Redžin, Mišo Srdić, Maći und sein Bruder Mišo…

„Die bspielen erst morgen, heute gibt es ein Film mit John Wayne, Wildwest…

„Dann müssen wir über die Mauer, – sagte jemand von der Truppe.

Die besten Hosen seines Bruders zerriss Rezak beim Überspringen die Mauer des Sommergartens, er blieb am Draht hängen mit dem die Mauer zusätzlich umzäunt war. An jenem Abend lief „Die glorreichen Sieben“.

Er fürchtete sich vor der Dresche seines Bruders, der manchmal swer streng war zu ihm, aber diesmal ist es irgendwie glatt gegangen. Wie sollte man sich nicht an  das Nachtbaden erinnern, nachmitternächtlicher Feier bei Toli und danach an warme Brezel bei Kanafa… Wer sollte sich nicht am Korzo von Prijedor erinnern können, Promenade der Mode, der Schönheit und  der Jugend, eeee das war eine sonderbare Geschichte.

Darum beneidete uns auch die benachbarte Banja Luka, die viel größer  ist als Prijedor weil sie das nicht hatten, was Priejedor so besonders machte, mit dem lieben und vor allem so zahmem Kietz und Marktplatz.

Es gab viele aus umliegenden Dörfern die nach besserem Leben trachtend mit ihren Familien nach Prijedor umsiedelten. So entstanden neue Siedlungen, Straßen, Quarts und die Stadt wuchs und verbreitete sich schnell. Die Nähe des großen Bergwerks gab die Möglichkeit für schnelle Beschäftigung.

Es gab Wenige  die Prijedor verließen um in andere Orte zu wechseln. Wenn welche das taten, dann waren das Armeeoffiziere mit niedrigeren Dienstgraden und Polizisten, die im Dienst befördert wurden und b mit nun höheren Dienstgrad anderweitig zum Dienst verpflichtet wurden.

Die Erinnerungen überfluteten ihn, und jagten wie lebendige Bilder nacheinander aus der näheren und er sah alles klar wie auf der Handinnenfläche, und etwas Scheres schnürte ihm den Hals zu.

Die Traurigkeit brach aus seinen Augen heraus. Sein Körper wurde von einer Schwere erdrückt, wegen wachsenden Gefühl von Machtlosigkeit und gewaltigen Erniedrigung. Er war dabei die Stadt zu verlassen die er unermässlich geliebt hatte ohne zu wissen wohin und ob er die je wiedersehen werde? Sein Blick schweifte und umfasste womöglich zum letzten Mal die Ebene des Tal von Prijedor und er würgte den Schluchzer nieder, damit ihn die Begleitmannschaft nicht hörte.

Er griff in seine Tasche nach einer Zigarette, um die anzustecken. Ihm schien, dass es ihm dadurch leichter wird, aber er griff in die leere Tasche und er erinnerte sich dass man ihm die Schachtel an der Polizeiwache weggenommen hatte. In seinem Kopf, in jenem Lager aller Leiden und Glücks, lief in einigen Augenblicken der ganze Film seines Lebens ab. In die Richtung schauend wo Himmel und Erde  sich verbanden  sah er in Gedanken seinen Vater, einen Eisenbahner in Rente wie er in Morgendämmerung mit Anglerstab in einer und  brennenden Zigarette in der anderen Hand jeden Morgen Richtung Ufer von Sana zum Angeln schreitet. Vater erzählte dass der Fich in der Frühe am besten beißt, praktisch auf den Köder stürmt. Er kehrte  am späten Nachmittag  mit einigen Karpfen und anderen Fischen aber gab es auch kleine  die er als Köder am nächsten Tag benutzte.

Er sah seine Mutter mit eingewickeltem Stückchen Süßigkeit in das dreieckige Tuch, die ihm stückchenweise heimlich zusteckt, in dem sie die Aufmerksamkeit der anderen ablenkt in dem sie ihnen bedeutungsloses Zeug erzählt.

Er sah ein weißes retouschirtes Foto, eingerahmt in die Unvergänglichkeit der Liebe seiner Eltern, wie das im Wohnzimmer seines altes elterlichen Hauses an der Wand hing. Er erinnerte sich dass die Mutter in der letzten Zeit oft gesagt hatte:

 

„Mein Sohn, es wird wieder Krieg. Ich erinnere mich an die gleiche Lage vor dem vergan-genen Krieg, das Geld verliert seien Wert, die Menschen trennen sich, entfremden sich.“

„Es kommt Krieg“ wiederholte Mutter oft und umwickelte sich ein Kopftuch dessen Enden sie zu einem Knoten band unter ihrem Kinn.

Die Mutter hatte leider Recht, und obwohl sie diesen Krieg nicht mehr erlebt hatte, hatten sich ihre Vorahnungen verwirklicht. Sie verstarb nur einige Monate  bevor die Schisserei in Prijedor anfing.

Rezak sah auch sich selbst wie er mit den Kumpels unter der Mauer sich runterhangelt zur Stelle wo die Kanalisation der Stadt rausquillt hinter den letzten Gebäuden und zu einem trüben Bach wird zwischen Raškovac und Pećani und wie er mir kreisenden Bewegungen Murmel formt für das Spiel Kica.

„Wo sind jetzt Halid, Nikola, Naka, Mišo…?“ erinnerte sich Rezak an seine Freunde. Und die Trännenquelle brach auf und kleine kristallene Bäche rannten ihm über das Gesicht abwärts.

Das Rad des Busses  fand ein Schlagloch auf dem Asphalt und lautes Fluchen des Fahrers brachten ihn zurück in die Wirklichkeit.

Die Männer mit gesengten Häuptern und Blicken die gar nichts versprachen tänzelten im Bus der auf der Straße ins Unbekannte und Ungewisse dahin holperte. Die Soldaten vorne grüßten die Passanten mit drei gehobenen Fingern und manchmal stimmten sie komische unbekannte Lieder an, die ihnen offensichtlich gut bekannt waren.

„Wann haben sie die nur so schnell gelernt, oder war dieses alles schon seit Langem  im Geheimen vorbereitet?“, fragte sich Rezak und ahnte die Antwort schon selbst.

Eine größere Gruppe von Dorfbewohner die sie durchfuhren, in Tarnanzügen und  dreckigen Stiefeln an den Füßen, winkten mit den Armen und forderten den Fahrer an anzuhalten. Sie verlangten von Soldaten dass sie  die Gefangenen ihnen überlassen.

„Das sind Balias und Ustaschas,“ sprach einer von denen und ließ seinen Blick über die Gesichter der verschreckten Menschen im Bus kreisen.

„Man soll sie alle mit kurzem Prozess“ und zeigte die Geste des Durchschneiden der Kehle bedeutete und aus seinem Gesicht sprach und strahlte ein verzerrter Hass. Er war bereit mit seiner aufgebrachten Menge alle diese Menschen zu lynchen, von denen er mit Sicherheit keinen einzigen je gekannt hatte.

Der Fahrer hielt seinen Bus für einen Augenblick an, öffnete die vordere Tür und mit einem Lächeln begleitete er die Menge die sich zum Bus bewegte, wahrscheinlich mit der Absicht ihre soeben ausgesprochenen Drohungen zu vollstrecken.

Einer von der Begleitmannschaft murmelte was und befahl dem Fahrer die Tür zu schließen die kurz vor den Gesichtern der aufgebrachten Masse zuschlug. Danach setzten sie sich in die Bewegung, marschierten weiter.

Man fuhr uns weiter in Richtung Cele und Busnovo; durch Glasscheiben des Buses sah man die breite ebene Landschaft am Fuße der Kozara Berges. Der Blick schoss in die Unendlichkeit über das breite Feld vor Prijedor wo die höchste Stelle eine nach oben umgepflügte Erdscholle war. In der Ferne badete der Berg Kozara in der Strahlen der Frühlingsonne die an jenem Spätnachmittag noch immer hoch stand. Man konnte die fruchtbare umgepflügte Erde riechen, die mit Weizen besät waren die in dieser starken Frühlingssonne glitzerte…

„Wer wird diesen Weizen ernten?“ – fragte sich Rezak.

Auf den Feldern grast verlassenes Vieh, Kühe, Pferde, Schafe und gerade zu Welt geko-mmene Lämmer. Sie irren um die niedergebrannten Häuser herum, aus denen gegen Himmel Feuerzungen lechzen und hohe Säulen aus dichtem schwarzen Qualm ganz bis zu den Wolken hinaufsteigen. Auf den vor den Häusern gespannten Wäscheleinen hing noch die gewaschene Wäsche. Menschen hatten dieses Böse nicht erwartet.

„Nur auf dem Balkan kann im jeden Augenblick alles passieren“ kamen dem Rezak die Worte des Nobelpreisträgers Ivo Andrić in den Sinn.

Und das geschah, und dazu das Böseste und ausgerechnet hier im berühmten, geschichts-trächtigen Gebiet um den Berg Kozara wo die Geschichte seit Menschengedenken im Soldatenschritt dahin schreitete.

Hier hatten die Menschen nach jeder Schlacht  und Pandemie immer wieder vom Neuen angefangen. Hart, zu hart ist der Wille der Menschen am Fuße des Berges Kozara. Es scheint einem dass niemand sein eigenes Stück Himmels so liebt, wie das ein Krajišnik tut, seinen Acker, sein Heim und diesen Berg Kozara…

Die Menschen um Kozara Gebirge gaben in irgendwelchen früheren Kriegen ihre Leben bei der Verteidigung von Krajina-Gebiet vor Feinden, aber jetzt ? Was geschieht hier jetzt? Nach dem Feind suchen wir hier, wir erkennen die unter uns!

Wer sind eigentlich diese viele Krieger, die vor ihren bäuerlichen Genossenschaften flohen, unausgetrunkenen Flaschen hinter sich lassend um sich an die Kanonen und Maschinengewehre zu setzen um daraus Granaten und Salven abzufeuern und es ist nicht wichtig wohin und wie viele davon.

Aber ihre Kugeln töten Menschen, zerstören und brennen Häuser nieder.

Menschen haben vom eigenen Mund abgespart oder besser gesagt nahmen ihnen die legale jugoslawische Macht einiges  aus dem Mund weg um „eigene Armee“  die JNA ( Jugoslawische Volksarme ) zu bewaffnen die sich hinter dem Fünfzakstern und dem Prädikat „Volks“ verbarg. Und jetzt feuert diese Armee mit den gleichen Waffen auf diese Menschen, um sich vor eventuellem Feind zu verteidigen. Und dieser Feind lebte da, in der Wohnung neben an, Tür an Tür oder in der gleichen Straße, einige Häuser weiter.

Bis gestern tranken Kaffee zusammen, besuchten sich gegenseitig, heirateten, wurden zu Taufpaten und Trauzeugen, gingen zusammen zu den Feiern aber auch zu Begräbnissen. Und jetzt…?

„Wo die Volksarmee durchmarschierte“ sagt das alte Lied „da wächst kein Graß mehr“, würde Rezak jetzt hinzufügen.

Es kam eine seltsame Zeit. Bosnien erzittert wie beim stärksten Erdbeben, aber Erdbeben kommt und vergeht, dieses aber dauert…

Ist diese Busreise nur eine Ouvertüre in Etwas noch Übleres? Wobei haben sich diese verdroschenen und verschreckten Menschen hier schuldig gemacht, die auf den Boden des Busses starren und aus deren Augen bis jetzt unbekannte Angst hervorquillt. Sie wurden von der neuen Macht nur so beschuldigt..

Sie greifen alles an was die geschichtliche und nationale Tradition der Muselmanen und  Kroaten ausmacht. Sie reißen deren Moscheen und Kirchen nieder und graben ihre Friedhöfe um. An ein solches organisiertes Verbrechen findet sich nicht in der neueren Geschichte. Dieser sonderbaren Hass quoll aus den tiefsten Bereichen der menschlichen Psyche, sie lugte aus deren blutunterlaufenen Augen.

Die Reaktion der anderen die in Mehrzahl waren, war still und voller Angst um eigene Zukunft, um die nackte Existenz. Dieser seelische Schmerz zerriss  das Eingeweide von diesen Menschen.

Die richtige Golgota der bosnischen Muselmanen und restlichen der nicht- serbischen Bevölkerung war gerade am Anfang.

Neben Rezak im Bus saß der Teufik, Schauspieler des Theaters von Prijedor, den sie alle nach seinem Spitznamen Čifut  kannten, weswegen er sich gar nicht ärgerte. Rezak schaute ihn an als ob er sich fragen würde: „Wem könnte dieser Mensch Böses antun? Sein ganzes Leben widmete er dem Theater und dieser Stadt, obwohl er gar nicht hier geboren wurde.

Als ob Čifut Rezak´s Blick verspürte, griff er nervös in die Tasche, holte die Zigaretten-schachtel hervor, nahm mit zitternden Hand eine Zigarette heraus und steckte die an. Djemo selbst verspürte Drang nach einer Zigarette, ihm schien dass die ihn ein wenig beruhigen würde und aus Gewohnheit schob er die Hand in seine Tasche. Er hatte vergessen daß man ihm die Zigaretten am Polizeirevier in Prijedor abgenommen hatten.

Er richtete seinen bittenden Blick gen Čifut und fragte ihn:

„Kann ich auch eine Zigarette bekommen?“

Čifut schaute ihn an als ob er ihn während der ganzen Reise gar nicht wahrgenommen hätte und ohne was zu sagen, öffnete er die Schachtel in der nur noch einige Zigaretten drin waren und reichte eine dem Rezak. Danach holte er aus der anderen Tasche das Feuerzeug heraus und gab Rezak Feuer.

Später haben sie noch eine geraucht und erst dann begreifend die ganze Milde dieses magischen Rauchs der vergiftet, aber in Augenblicken wie diese irgendwie auch beruhigt.

Nicht lange danach hielt der Bus vor dem Verwaltungsgebäude des Bergwerks Omarska wo Eisenerz gefördert wurde, nur einige Kilometer vom gleichnamigen Ort entfernt.

Auf einer Seite abgemähte Felder auf denen Rinder grasen, auf der anderen Seite aufge-schütteten Halden wo fast bis gestern Bergleute noch gearbeitet hatten. Diese Halden sind jetzt weit entfernt und schimmerten in dieser unerträglichen Hitze. In der Mitte zwei große Gebäude, mit einem breiten asphaltierten Plateau dazwischen und zwei kleinere Nebengebäude, das eine in Weiß, das andere in Rot getüncht ( Später wirdRezak und die Anderen die als Weißes und Rotes Haus nennen ).

Es wurde ihnen befohlen ohne Panik aus dem Bus zu steigen mit den Händen über den Kopf mit gespreizten drei Fingern auf jeder Hand. Das ist ein alter serbischer Gruß.

Čifut schaute sich verdattert im Bus herum, schaute heraus, offensichtlich suchte  er mit dem Blick nach Jemandem.

„Kann ich mit diesem Bus nach Prijedor zurückfahren, mein Sohn dient in eurer Armee?“ fragte Čifut einen der Vorgesetzten der gerade den Bus betrat und schaute ob er jemanden unter den Neuankömmlingen erkennen könnte.

Der Offizier nahm  von Čivut Maß vom Scheitel bis zur Ferse, während dieser sich langsam erhob und sich Richtung Tür bewegte, wo dieser Vorgesetzte stand.

„Gehe raus und stell Dich da an die Wand! Wir werden später sehen was wir mit Dir machen!“- sagte der Offizier.

„Auch mein Sohn dient bei Euch, darf ich auch?“ – hörte man eine Stimme aus dem hinte-ren Teil des Buses.

„Jetzt kommt’s noch raus, dass für unsere Sache auch Muselmanen kämpfen, los stell Dich auch dorthin, an die Wand“, sagte der Vorgesetzte und den restlichen befahl er den Bus zu verlassen und sich in Richtung des Arbeiterrestaurants in Bewegung zu setzen.

Sie gingen durch ein Spalier von gut bewaffneten Soldaten, die jedem tief ins Gesicht starrten und versuchten unter Neuankömmlingen jemanden zu erkennen. Sie lösten einige von denen raus und befahlen ihnen sich neben Čifut und dem Anderen an die Wand zu stellen. Die Restlichen verbrachten Sie in das Gebäude mit dem Restaurant/Werkkantine, in einen großen Raum gleich rechter Hand in dem schon zwanzig Menschen. Der Raum war ziemlich groß, hatte aber nur einige kleine Fenster hoch  unter der Decke und die Augen brauchten einige Augenblicke bis die  aus dem grellen Licht kommend an diese Halbdunkelheit gewöhnt hatten.

„Rezak, Du auch hier? Warum bist Du nicht weggegangen, Du konntest wenigstens?“

Rezak drehte sich um im Halbdunkel und erblickte das Gesicht von Idriz Hošić, berühmten Fußballspieler von „Prijedor“ und Belgrader FC „Partrizan“ und auch den Angehörigen der besten Nationalmannschaft Jugoslawiens. Idriz trat an ihn heran, umarmte ihn und drückte und sichtlich erregt fügte hinzu:

„Was passiert hier mit uns, lieber Rezak, wie haben wir den getan und  uns schuldig gemacht?“

„Nichts Kole“, – so nannten die Freunde diesen großartigen Menschen und Fußballspieler.

„Willst sehen, das wird nicht lange dauern“ – sagte Rezak, obwohl er selbst an seine gerade ausgesprochenen Worte nicht geglaubt hatte. Später gesellte sich zu ihnen auch Muhamed Ćehajić der legale Bürgermeister von Prijedor, den die Serben abgesetzt hatten als sie die Macht übernahmen und an seinen Platz einen der ihrigen setzten.

„Es kann nicht wahr sein, dass Sie auch hier sind, Herr Professor?“ so nannte Rezak den Muhamed, weil er am Gymnasium von Prijedor serbo-kroatisch unterrichtet hatte.

„Die haben mich hierher verschleppt, Rezak! Als ob mich jemand gefragt hatte ob ich das wünsche oder nicht, sie holten mich vor paar tagen einfach von Zuchause ab. Sie verbrach-ten mich zum Polizeirevier, unterzogen mich irgendwelchen Befragungen, danach in die Kaserne nach Urije und jetzt bin ich hier. Wieso bist Du hier Rezak, was hast Du mit der Politik zu tun?“ – erwiderte Muhamed auf Rezak`s Frage.

Und als Rezak gerade ihm sagen wollte, dass er nie die Absicht hatte, in die Politik zu gehen, aus reiner professioneller Verantwortung zu seiner journalistischen Tätigkeit, erschall ein Feuerstoß aus der Kalaschnikow, irgendwo vor dem Gebäude, danach noch einer, etwas kürzer.

Später verbreitete man die Mär – dass sie die die aus dem Bus ausgesondert wurden erschossen hatten.

Čifut, dieser wunderbare und ruhige Mensch wird nie über die Bretter des Theater von Prijedor schreiten.

Mit jedem Brummen des ankommenden Buses füllte sich der Raum immer mehr. In einem von diesen Busen kam auch Rezak´s Sohn Ari und Verwandte Fadil, Mirsad, Fudo und sein Sohn Elijan. Bis zum Abend hatte Rezak 20 und mehr Busse gezählt. Am nächs-ten Morgen, das Gleiche.

Binenn zwei Tagen wurden mehr als drei Tausend Bürger von Prijedor und seiner Vor-städte in eigenen Häusern verhaftet, zerdroschen und in diese Casemnate verfrachtet.

Unter den Verhafteten deren einzige Schuld war, dass sie Muselmanen und Kroaten waren,  waren viele Intelektuele, Professoren, Ärzte, Polizisten, Handwerker und Geschäftsleute….

Die ersten vier Tagen bekamen Sie  weder was zu essen, noch durften sie die Räume verlassen in denen sie weggesperrt worden waren.                                                                      Sie schliefen auf dem Boden der mit keramischen Platten gefliest waren, oder auf dem nackten Beton im Raum vor Toilettenzellen wo sich große Waschbecken und Wasserhähne befanden. Rezak hatte einen Karton gefunden, zerlegte ihn und legte ihn unter sich und seinen Sohn. Das war ihr einziges Bett mit dreckigen Schuhen die er als Kopfkissen unter sein Haupt nahm. Die abgestandene Luft erschwerte das Atmen und trocknete denen die Kehle aus. Die Unterbringungsbedingungen waren erniedrigen und der Menschen unwürdig.

Erst am fünften Tag ließ man sie zum Mittagessenfassen antreten. Der Hunger war nicht auszuhalten. Beim Kommando „Essenfassen“ drängten sie alle zur Tür. So angetreten in gruppen zu dreißig Mann führten die sie zum großen Raum des Werkrestaurants. Djemos Sohn Ari war in der dritten Gruppe; Rezak drängelte  nicht und war erst in der zehnten Gruppe. Als Rezak´s Gruppe dran war hieß es dass kein Essen nicht mehr da sei. Ausgegangen! Sie kehrten zu ihren Plätzen zurück und krümmten sich vor Krämpfen und Schmerzen im Magen. Sie litten am unermässlichen Hunger.

 

 

 

 

Über stasifolteropferadamlauks

I am 72 Years old and I I am still victim of torture in STASI-Prison in former GDR 1982-1985. I never reached Justice and satisfaction by Germany´s goverment after 40 Years injustice ! I am fighting for the implementation § TORTURE in Germany´s national low.
Dieser Beitrag wurde unter AKTUELL, AKTUELLE WELTLAGE, NULL > mein DDR "Freund" veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen