Das Ende Jugoslawiens – Die Zerstörung des Vielvölkerstaates


Die Zerstörung des Vielvölkerstaates
von Andreas Ernst, Belgrad18.6.2016, 15:00 Uhr
Jugoslawien ging nicht am Hass seiner Völker zugrunde.
Es waren der Machtkampf der Politiker und das Ende des Kalten Krieges, die dem Staat die Grundlage entzogen.
Zwei Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee zwischen zerstörten Häusern in der kroatischen Stadt Vukovar (November 1991).(Bild: Srdjan Ilic/Keystone)

Zwei Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee zwischen zerstörten Häusern in der kroatischen Stadt Vukovar (November 1991).(Bild: Srdjan Ilic/Keystone)

Das Video ist ein Zeitdokument ersten Ranges: In einem Waldstück in Slowenien liegt im Juni 1991 ein Rekrut der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) in Stellung. Der 19-Jährige heisst Bahrudin Kaletovic und stammt aus dem bosnischen Tuzla. Aus dem Off hört man den Fernsehreporter: «Was ist Ihr Auftrag?» Gewehrfeuer knattert. «Ich weiss nur, die schiessen auf uns. Sonst nichts.» Worum wird gekämpft? «Soviel ich weiss, wollen die sich so was wie abspalten, und wir wollen das so was wie verhindern.» Widerwille und Angst stehen dem Burschen im Gesicht. «Aber eigentlich wollen wir zurück in die Kaserne.» Bahrudin überlebte den Krieg. Er kam 1998 bei einem Autounfall ums Leben.

Politik als Naturereignis

Die serbisch kontrollierte Armee war ausgerückt, nachdem Slowenien und Kroatien sich am 25. Juni unabhängig erklärt hatten. Viele Reservisten verweigerten den Marschbefehl. Es gab Zehntausende wie Bahrudin, die von diesem Krieg nichts wissen wollten. Und es waren Hunderttausende, die das Ende des Staates wie ein Erdbeben empfanden: als unvorhersehbares Naturereignis. Denn es war nicht Hass zwischen den Völkern, der den Zerfall auslöste. Das Zerstörungswerk wurde oben begonnen, in der politischen Elite.

1974 war eine Verfassung geschaffen worden, die einen grossen Teil der Souveränität an die Teilrepubliken übertrug. Die Schwächung des Zentralstaates bedeutete gleichzeitig eine Stärkung der politischen Rolle der Armee, die, zusammen mit dem Bund der Kommunisten, zur letzten Instanz staatlicher Einheit wurde. In den anderthalb Jahrzehnten vor dem Kollaps drehten sich die politischen Diskussionen um Verfassungsfragen. Es entstanden zwei Lager: Eines, wofür der slowenische Reformkommunist Milan Kucan stand, forderte eine noch weiter gehende Dezentralisierung. Das andere mit Slobodan Milosevic an der Spitze wollte einen Einheitsstaat unter serbischer Führung.

Die Krisenjahre in den Achtzigern waren eine Phase der politischen Öffnung und kulturellen Blüte. Nie war das Land so weltoffen und liberal wie in seinem letzten Jahrzehnt. In Ljubljana stellten neue Bewegungen den Glauben an Tito und die Partei infrage. Es waren junge Menschen aus allen Landesteilen, die eigentlich keine Bedrohung für Jugoslawien darstellten – wohl aber für den reformunfähigen Staat. Von anderer Art war der Widerstand im wirtschaftlich rückständigen Kosovo: Studenten ohne Aussicht, je eine adäquate Stellung zu finden, wurden zur Avantgarde einer «Befreiungsbewegung».

Das Ende des Sonderfalls

Als die Säulen des jugoslawischen «Sonderfalls» langsam einstürzten, erschütterte das die Legitimität des Staates. Wirtschaftliche Selbstverwaltung und das Ideal von Brüderlichkeit und Einheit wurden von Konzepten des Marktliberalismus und der nationalen Selbstbestimmung herausgefordert. Mit dem Fall der Mauer verlor das Land dann auch seine privilegierte geopolitische Stellung zwischen den Blöcken.

Jetzt bauten die politischen Eliten, unterstützt von willigen Intellektuellen und den Kirchen, den ethnischen Nationalismus zum neuen Glaubensbekenntnis auf. Die Geschichte wurde zur Zeugin gemacht, um die Benachteiligung des eigenen Volkes im multinationalen Staat zu beweisen. Dies gelang umso besser, als der Bürger- und Befreiungskrieg der vierziger Jahre nie aufgearbeitet worden war. Jetzt mischten die freier gewordenen Medien Schauermärchen und wahre Geschichten wild durcheinander. Machiavellisten wie Milosevic und «gläubige» Nationalisten wie der Kroate Franjo Tudjman schürten die Angst vor den Nachbarn.

In diesem Klima scheiterten alle Versuche, den gemeinsamen Staat wieder zu beleben. Im Frühjahr 1990 brachten die Mehrparteienwahlen in Slowenien und Kroatien national gesinnte Parteien an die Macht. Von da war es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Unabhängigkeitserklärung am 25. Juni 1991. Dann rollten die Panzer. Der Krieg in Slowenien dauerte nur zehn Tage, dann zog die JNA nach Süden ab. In Slowenien gab es keine bedeutende serbische Minderheit. Ganz anders in Kroatien, wo 12 Prozent der Bevölkerung serbisch waren. Dorthin und nach Bosnien frass sich nun der Krieg und schuf den Hass, der nicht seine Ursache, sondern seine Folge war.

  • Hervorragender Artikel, einmal mehr von A. Ernst angemessen präzise auf den Punkt gebracht.
    Bittere Bilanz, ein Vierteljahrhundert nach dieser Katastrophe: was brachten der sog. „Marktliberalismus“ und „nationale Selbstbestimmung“? Statt Demokratie eben verlogene Plutokratie, statt Patriotismus giftigen Nationalismus, statt Souveränität transatlantische Servilität. Ausserdem teilen nun alle Studenten in diesen neuen Staaten das Schicksal der damaligen Studenten in Kosovo, nämlich eine im Nanobereich liegende Aussicht, „je eine adäquate Stellung“ zu finden.
    Der sog. Westen (=NATO-Staatenbund) unterstützte alle Sezessionswilligen (ausser den Serben, egal wo und wann) und kritisierte die Antisezessionisten (ausser die Nichtserben, natürlich), was der heutigen bedingungslosen Unterstützung des NATO-Westens für das antisezessionistische Kiew und seiner Kritik an den Sezessionswilligen in der Südostukraine diametral entgegensteht. Prinzipien? Werte? Neoimperialismus.

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    Wieder ein ausgezeichneter Bericht dieses höchst schätzenswerten Balkan-Korrespondenten. Danke, NZZ!

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    Es wird fuer immer eine offene Frage bleiben, ob es so haette enden muessen? Selbstverstaendlich waere ein weiteres Zusammenleben moeglich und ausbaufaehig gewesen, besonderes nach Aufbau einer Demokratie und Einfuehrung von Marktwirtschaft.
    Voraussetzungen waren schlecht: kappute Planwirtschaft am Ende einer Einparteidiktatur, zerstoerte und dadurch fehlende demokratische Strukturen, Schatten des 2. WK wurden nie bewaeltigt sondern nur verschleiert, neue- nur nationalistische- Parteien entstanden etc.
    Trotz Vorwarnungen waren die „Jugoslawen“ aber auch die westliche Diplomatie unvorbereitet und ratlos. Sezessions Tendenzen haetten nicht unterstuetzt werden duerfen, besonderes nicht von Oesterreich und Deutschland . Sezession waere eine letzte Option geblieben am Ende einer Normalisierungsphase um Jugoslawien schrittweise an EU naeher zu bringen.
    Was man bis heute erreicht hat ist mehr als bescheiden und die Aussichten sind nicht rosig!

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    „Nie war das Land so weltoffen und liberal wie in seinem letzten Jahrzehnt.“ Gleichzeitig waren die damaligen Aktivisten, wenn man die Rockjazzband, die einmal im Rheinland aufspielte, zum Massstab nehmen kann, gerade in dieser Zeit unglaublich frustriert, weil genau in dieser Zeit auch der Nationalismus der Teilrepubliken und sonstigen Voelkerschaften begann. Es gab eben keinen Tito mehr und das Ausland hatte auch keinen Plan B, bis dann irgendwann die Amerikaner gleichsam als deus ex machina kamen und alles im Wesentlichen entschieden. Handke war dabei trotz allem vielleicht am kluegsten, jedenfalls was die Sprache anging.

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      Handke war einer der klügsten, und einer der mutigsten – sich schon vor zwei Jahrzehnten gegen den verlogenen NATO-Narrativ über die Zerschlagung Jugoslawiens zu stellen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb 1996, Handkes Mut anerkennend, ein seltenes Mea/Nostra Culpa, diese hetzerische einseitige Kampagne jahrelang mit gefahren zu haben. Geholfen hat es nichts, stellte man sich bei jedem neuen NATO-Krieg treu in transatlantische Propagandadienste.

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    Zitat: „Denn es war nicht Hass zwischen den Völkern, der den Zerfall auslöste. Das Zerstörungswerk wurde oben begonnen, in der politischen Elite.“

    Erinnert mich ans brennend altuelle politisches Geschehen von heute…..

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    Wie wäre es wenn man endlich sich nach den Gründen fragen würde WARUM??? Warum holte unzerstörtes Jugoslawien nicht in die EU eigentlich. Wirtschaftlich waren die den Bulgaren, Rumänen und Ungarn weit voraus??? WARUM weiß man nicht dass die Deutschen TORNADOS die ersten Bomben auf Belgrad abwarfen?? WARUM sollen die Menschen im Westen nicht wissen dass Jugoslawien der vierte Waffenexporteur der Welt war!? WARUM überläßt Amerika den Deutschen zerschölagung Jugoslawiens, Verbündeten und Sieger im 2.Weltkrieg?? Auf welchem Platz ist Deutschland als Waffenexporteur jetzt? Hätteb man Jugoslawien reingenommen in der EU als Konkurenz im Waffenhandel… D A S kam nicht in Frage. Die konkurenz eliminieren auch zim Preis eines Blutigen Bürgerkrieges. WARUM weiß man nicht dass es auf dem Balkan mehr Opfer von versäuchten Munition gibt als im Krieg.
    EINEN ANDEREN GRUND GAB ES NICHT. Mit JUgoslawien schuf man ein Schema der DEMOCRCYSIERUNG… schaut was danach kam!

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    Die fiese Rolle der Religioten unter dem serbisch-orthodoxen Goldhut-Träger Pavle* wird hier typischerweise nicht erwähnt. Dauernd wird von unserer Journaille die kriegerische Rolle der Religionen, aller Couleur, verschwiegen… Dennoch sind die meisten Kriege durch der religiösen Hetzprediger und Rechthaber ausgelöst worden.
    *(Archbishop of Peć, Metropolitan of Belgrade and Karlovci, Serbian Patriarch…) etc.

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    Jugoslawien wurde nach dem ersten Weltkrieg von den Siegermächten aus Völkern zusammengewürfelt, welche sich weder vorher noch nachher jemals wirklich grün waren. Es ging lediglich darum, Österreich-Ungarn, das zuvor 200 Jahre lang alle Hände voll damit zu tun hatte, auf dem Balkan für einigermaßen ruhige Verhältnisse zu sorgen, zu verschrotten. Als Beispiel für die latente Uneinigkeit sei nur der brutale Kampf der kroatischen Ustascha gegen die serbische Bevölkerung genannt. Jugoslawien hat den zweiten Weltkrieg nur deshalb 40 Jahre lang überlebt, weil es von Tito und seinem skrupellosen Machtapparat gewaltsam zusammengehalten wurde. Für diesen Zweck war sogar eine ausgedehnte Mordserie im europäischen Ausland gerade recht.

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      Der „brutale Kampf der kroatischen Ustascha gegen die serbische Bevölkerung“ war doch kein Kampf! Es war ein planmässiger Genozid der Ustascha an der serb., jüdischen und Roma-Bevölkerung, der selbst den Nazi-Okkupatoren das Blut in den Adern gefrieren liess. Je ein Drittel der serb. Bevölkerung sollte ermordet, bekehrt und vertrieben werden. Die finale Vertreibung fand 1995 statt, mit NATO-Placet und ICTY-Straflosigkeit – heute ein nationaler Feiertag in Kroatien.

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      Vielleicht erfrischen Sie Ihre Geschichtskentnisse? Sie uebersehen voellig, dass quer durch spaetere Jugoslawien die Grenze zwischen k.u.k. Monarchie und dem Osmanischem Reich verlief! Zwischen 1918 und 1941 lebten verschiedene Voelker friedlich im Koenigreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Bei Entstehung Jugoslawiens spielte auch Panslawismus eine Rolle aber kein Gewalt von Aussen. Sie uebersehen, dass es sich um verwandte slawische Bevoelkerung handelte mit gemeinsamer Geschichte und sehr verwandten Sprachen. Ja, es gab Serbisch-orthodoxe, Katholiken und Muslime und trotzdem keine gravierende Probleme.

      Ustasche in 2. WK sind ein schlechtes Beispiel weil sie als faschistische Bewegung/Organisation Kroaten nicht repraesentierten und sich auch gegen das eigene Volk wandten.

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    Schon Fürst Otto von Bismarck stellte fest, dass die Auseinandersetzungen auf dem Balkan nicht die gesunden Knochen eines einzigen deutschen Soldaten wert sind!

    Die Völker da brauchen den ewigen Krieg offenbar, sonst hätten sich alle gehütet nach der friedlichen Epoche unter Tito erneut das Kriegsbeil auszugraben.

    http://www.nzz.ch/international/25-jahre-jugoslawischer-zerfall-die-last-der-geschichte-in-kroatien-und-slowenien-ld.89993

Über stasifolteropferadamlauks

I am 66 Years old and I do promote acommodations on the adriatic´s sea beaches for holiday in apartments close to the sea-close to the mediteranian beauty. I am still victim of torture in STASI-Prison 1982-1985. I never reacht Justice and satisfaction by Germany´s goverment after 30 Years ! I am fighting for the implementation of § TORTURE in Germany´s low.
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