Aufklärung statt Verklärung!!! „Führervorbehalt“ was war das?!? – Wer war Kunsthistoriker Dr. Reimer der das „Führermuseum“ in Linz leitete ?!? „Sonderauftrag Linz“ Zeitzeugen bitte melden!?


 

 

2. Januar 1987 Informationen zu diesem Dossier lieferte Georg Stein

Ehe er sich die Giftkapsel zwischen die Zähne schob und die Pistole an die Schläfe setzte, diktierte er noch einer Sekretärin sein persönliches Testament: „Was ich besitze, gehört – soweit es überhaupt von Wert ist – der Partei, sollte diese nicht mehr existieren, dem Staat.“ Und weiter: „Ich habe meine Gemälde in den von mir im Laufe der Jahre angekauften Sammlungen niemals für private Zwecke, sondern stets nur für den Ausbau einer Galerie in meiner Heimatstadt Linz an der Donau gesammelt. Daß dieses Vermächtnis vollzogen wird, wäre mein herzlichster Wunsch.“

Die zwei Akten stammen aus dm Forschungsprojekt : Einfluß des MfS auf die Ärzteschaft der DDR“ – Die STASI setzte  eines der übelsten Menschenhasser an Dr. Gottfried Reimer an, Leiter der   Forensik  in der Speziellen Strafvollzugsabteilung von Waldheim – die Bestie Dr. Wilhelm Poppe alias  OPK „Poppe“ der  wegen seiner Skrupellosigkeit zum IMS „Seidel“ gewonnen wurde.

Scan_20170413 (12).jpg

Scan_20170414

Scan_20170414 (2)

Von STASI-Beauftragten Experten Andreas Förster 25.10.08 STASI-Aufklärer Quelle: http://www.berliner-zeitung.de

 

Scan_20170413 (2)

Scan_20170413 (3).jpg

Scan_20170413 (4)

Scan_20170413 (5)

Scan_20170413 (6)

Scan_20170413 (8)Scan_20170413 (9)

Scan_20170413 (11)

DIE ZEIT:

„Ehe er sich die Giftkapsel zwischen die Zähne schob und die Pistole an die Schläfe setzte, diktierte er noch einer Sekretärin sein persönliches Testament: „Was ich besitze, gehört – soweit es überhaupt von Wert ist – der Partei, sollte diese nicht mehr existieren, dem Staat.“ Und weiter: „Ich habe meine Gemälde in den von mir im Laufe der Jahre angekauften Sammlungen niemals für private Zwecke, sondern stets nur für den Ausbau einer Galerie in meiner Heimatstadt Linz an der Donau gesammelt. Daß dieses Vermächtnis vollzogen wird, wäre mein herzlichster Wunsch.

Die Galerie wurde nie gebaut, die Partei gibt es schon lange nicht mehr, aber der Staat hat die Zeitläufe überdauert, wenn auch geteilt. Ihm gehört, was von jenen Sammlungen übrig geblieben ist: Gemälde, Plastiken, Graphiken, Münzen, Gobelins. Geschätzter Wert im Jahre 1968: mindestens dreißig Millionen Deutsche Mark. In einem nächtlichen Tischgespräch hatte jener Sammler einmal gesagt, für die Galerie könne er sich nur eine Überschrift denken: „Dem deutschen Volk zu eigen.“ Dieses Volk, von dem einige Politiker wünschen, daß es endlich aus dem Schatten Adolf Hitlers heraustrete, steht nun in den Museen andächtig vor erlesenen Kunstschätzen, ohne zu annen, daß niemand anderer als eben dieser Hitler sie ihm hinterlassen hat. Zum Beispiel im Frankfurter Städel das „Bildnis der Hendrikje Stoffels“ von Rembrandt, für die er noch im Frieden nur mal eben 900 000 Reichsmark hingeblättert hat. Zum Beispiel das „Bildnis eines sächsischen Herrn“ von Lucas Cranach im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Zum Beispiel „Der Tanz“ von Watteau in der Gemäldegalerie Berlin-Dahlem. Zum Beispiel die Bilder aus Moritz von Schwinds „Aschenbrödel-Zyklus“, verteilt auf Museen in München, Oldenburg, Mülheim an der Ruhr und Wiesbaden. Und jedesmal wird ein Schild dem Betrachter bedeuten, es handle sich um eine „Leihgabe der Bundesrepublik“.

Auch das ist eine Art, Vergangenheit zu bewältigen. In diesem Jahr, wo abermals die Suche nach berühmten Kunstschätzen aufgenommen wird, die man seit 1945 verloren glaubte, wo noch immer Geheimnisse aus dem NS-Reich nicht enträtselt werden können, weil Archive und Behörden sie hüten, wo die sogenannte Nazi-Kunst weiterhin ängstlich in Depots verschlossen wird, wo alle Welt über die Kulturschande vor vierzig Jahren, die Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ reden wird, da ist es an der Zeit, wieder an den größten Kunstraub der Geschichte zu erinnern.

Jene 1067 Gemälde, die das Bundesfinanzministerium an 102 Museen ausgeliehen hat, jene 210 Gemälde, die in der Villa Hammerschmidt, im Auswärtigen Amt oder in deutschen Botschaften hängen, jene 256 Gemälde, mit denen Spitzenbeamte der Bonner Ministerien und anderer Bundesbehörden ihre Amtsstuben schmücken – sie stammen ja nicht von edlen Spendern und Kunstsammlern, sondern von zwei durchtriebenen Kunsträubern.

Der eine, Adolf Hitler, trieb es heimlich und wahrte nach außen hin den legalen Schein, der andere, Reichsmarschall Hermann Göring, protzte offen mit seinen Sammlungen. Vieles von ihren im Krieg zusammengerafften Schätzen ist unterbezahlt oder unter Druck verkauft worden oder hat rassisch oder politisch Verfolgten gehört, die sich in der Not von ihrem Besitz trennen mußten oder von „Volksgenossen“ bestohlen worden sind.

Die Geschichte dieses Kunstraubes fing an im März 1938, als Hitler seine österreichi-sche Heimat mit Waffengewalt und unter dem Jubel der großen Mehrheit „heim ins Reich“ holte. Beim Einzug in seine Heimatstadt Linz gelobte er in seiner Rührung, sich einen Jugendtraum zu erfüllen. In Linz wollte er sich und wohl auch seiner Mutter ein Denkmal setzen: das schönste und größte Museum der Welt – es sollte den Louvre, die National Gallery, das New Yorker Metropolitan Museum und die Eremitage weit in den Schatten stellen. Die oberösterreichische Landeshauptstadt wollte er in eine Weltstadt verwandeln, und sei es, um dem verhaßten Wien eins auszuwischen, das ihm in sei-ner Jugendzeit die erhoffte Künstlerkarriere verwehrt hatte.

Vorgesehen hatte Hitler eine großartige Hängebrücke, ein riesiges Versammlungshaus mit einem Glockenturm, in deren Krypta er seine letzte Ruhe finden wollte. Bald reichte nicht mehr die Gemäldegalerie, jetzt mußten auch noch eine Bibliothek mit 250 000 Büchern, eine Waffenhalle samt einer Abteilung Fortifikation, eine Skulpturensammlung und ein Münzkabinett her – alles in gigantischen Ausmaßen. Hitler war von seinem Traum derart besessen, daß er noch im April 1945, im Hintergrund grollten bereits die russischen Geschütze, tief unten im Bunker der Reichskanzlei mit seinem Leibarchitekten Albert Speer über den Planskizzen für die Linzer Bauten hockte.

Multimillionär Hitler

Hitler, der sich selber für einen verkannten Maler und Architekten hielt, wollte mit seinem Museum die Menschen nach seinem eigenen Kunstgeschmack ausrichten. Zwei Schwerpunkte setzte er: einmal sollten in Linz die Bilder der alten Meister bis Ende des 18. Jahrhunderts ausgestellt werden (so hatte er schließlich 17 Rembrandts und 20 Rubens’ beisammen; etliche Italiener: Botticelli, Raffael, Leonardo, Tizian; auch viele Franzosen und Holländer); sodann ganz viel Kunst des 19. Jahrhunderts, vorwiegend deutsche Romantiker und Neoklassizisten, auch die, wie er meinte, unterschätzten Österreicher, etwa Hans Makart. Keinen Sinn hatte er für Impressionisten und Expressionisten – das war für ihn schlechte, schlampige, entartete oder krankhafte Kunst, „wo man nicht mehr mit kann“. Allenfalls konnte man sie gegen „gute“ Kunst eintauschen – und das taten Hitlers und Görings Agenten denn auch, nachdem die deutschen Besatzer in den eroberten Ländern das jüdische Vermögen an sich gebracht hatten.

In den ersten Jahren des Dritten Reiches bediente sich Hitler für seine Sammlungen des so cleveren wie rücksichtslosen Berliner Kunsthändlers Karl Haberstock, der 1933 gleich in die NSDAP eingetreten war. Hitler hielt große Stücke auf ihn. Die zum Teil sehr teuren Ankäufe finanzierte er aus zwei Töpfen: aus der Lizenzgebühr der Reichspost für jede Briefmarke, die seinen Kopf zeigte (da kamen von 1937 bis 1945 fünfzig Millionen zusammen), und aus der jährlichen „Adolf-Hitler-Spende der Industrie“ (etwa 300 Millionen). Beraten ließ er sich von seinem Leibphotographen Heinrich Hoffmann, der sich für einen Spitzweg-Kenner hielt, aber prompt auf Fälschungen hereinfiel. Haberstock lästerte über Hoffmann, wenn der Makart sage, klinge das immer wie Café Maquardt in Berlin.

Ein Weltmuseum in Linz aufzubauen, dazu bedurfte es dann doch eines überragenden Fachmanns, und Hitler fand ihn im Sommer 1938: Professor Hans Posse, den 59jähri-gen Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, einen exzellenten Kenner der italienischen und niederländischen Renaissance- und Barockkunst. Posse war kein Nazi, sondern vielmehr gerade vom sächsischen Gauleiter Mutschmann nach fünfundzwan-zigjähriger Tätigkeit seines Postens enthoben worden. Die Nazis verübelten dem Galerie-Direktor, daß er den „entarteten“ Künstler Oskar Kokoschka bei sich beherbergt und dessen Werke (wie auch die von Otto Dix) in sicheren Verwahr genommen hatte. Es spricht etliches dafür, daß sich der Kunsthändler Haberstock bei Hitler für Posse ver-wendet hat, um sich den Freund auf diese Weise dienstbar zu machen.

Rat von Hitlers Schwester

Aber es gibt noch eine plausiblere Erklärung, warum sich Hitler und Posse fanden. Angela Raubal geb. Hitler, eine Schwester des Diktators, war in zweiter Ehe mit dem Direktor der Dresdner Bauschule, Martin Hammitsch verheiratet. Seine Schule lag dem Hauptstaatsarchiv benachbart, dem Posses Vater, Geheimrat Posse, als Direktor vorge-standen hatte. Die Familien waren befreundet. Angela und ihr Mann verbrachten vom 23. Mai bis zum 5. Juni 1938 ihren Urlaub auf Hitlers Berghof in Berchtesgaden. Am 18. Juni besuchte Hitler Dresden und – setzte Dr. Posse wieder in sein altes Amt ein. Freilich dauerte es noch ein ganzes Jahr, ehe ihm Hitler den „Sonderauftrag Linz“ anvertraute (siehe Faksimile auf dieser Seite).

Das erste Land, in dem sich Posses Organisationstalent und Kunstkennerschaft bewäh-ren konnte, war Österreich. Unmittelbar nach dem „Anschluß“ im März 1938 war es dort drunter und drüber gegangen: Die Nationalsozialisten samt ihren Organisationen hatten sich wie in einem Rausch über das jüdische Vemögen hergemacht. Wertvolle Kunstsammlungen, die Bestände vieler Kunsthandlungen, aber auch das Interieur verschiedener großbürgerlicher Palais (Gesamtwert 60 bis 70 Millionen Reichsmark) wurden geplündert. Manches wurde auch von Gestapo und Polizei zugunsten des Landes Österreich, des Reichsschatzmeisters der NSDAP und der Wehrmacht „eingezogen“. Für alle diese in den folgenden Monaten systematisch fortgesetzten „Beschlagnahmen“ und „Einziehungengab es keine gesetzliche Grundlage. Erst im November 1938 trat eine Verordnung des Reichsinnenministers in Kraft, welche die „Einziehung volks- und staats-feindlichen Vermögens“ nachträglich legalisierte.

Am selben 18. Juni 1938, an dem Hitler Direktor Posse rehabilitierte, ordnete er an, daß die Bilder und Kunstgegenstände aus jüdischem Besitz weder in österreichischen Amts räumen ausgestellt noch von leitenden Persönlichkeiten erworben werden dürften. Dies galt vor allem für die sagenhaften Reichtümer des Barons Louis von Rothschild und seines Bruders Alphonse. Kein Stück durfte mehr aus Österreich herausgebracht werden; alle Schätze mußten photographiert und katalogisiert und in Wiener Depots gelagert werden. Die Entscheidung, was endgültig mit ihnen geschehen sollte, hatte sich Hitler vorbehalten. Dieser „Führervorbehalt“ wurde zur Grundlage des „Son-derauftrages Linz“.

Hitler hatte von vornherein daran gedacht, die in Wien eingezogenen Kunstsammlungen an die Museen anderer österreichischer Städte zu verteilen, den größten Batzen natür- lich für seine neue Galerie in Linz. Die Auswahl überließ er dem Fachmann Posse, dessen strengem Urteil er sich beugte. Albert Speer schildert in seinen Memoiren, wie Hitler eines Tages voller Stolz Posse seine bis dahin zusammengekauften Privatsammlungen zeigte, dieser aber ungerührt einen großen Teil davon, gerade auch die von Hitler so geliebte Münchner Schule, als unbrauchbar verwarf („Entspricht nicht dem Rang der Galerie, wie ich sie mir vorstelle“).

Posse brauchte Monate, bis er nur die wichtigsten Kunstschätze besichtigt hatte. Von 270 Gemälden reservierte er allem 122 für Linz, 57 für Wiener Museen. Doch Hitler zweigte noch zwanzig mehr für Linz ab: Wien habe schon Kunstwerke genug.

Mit Feuereifer stürzte sich Posse in seine neue Aufgabe. Dabei verblüfft am meisten, wie dieser integre und korrekte Beamte bedenkenlos über ehemals jüdisches Eigentum verfügte – ihm genügte offensichtlich der Rechtstitel „Beschlagnahme“, wie etwa im Falle der Familie Rothschild, die im Mai 1939 in einem Knebelvertrag alle ihre Vermögen-schaften in Großdeutschland dem Reich als Eigentum überlassen mußte. Posse, begeistert von dem einzigartigen Auftrag, das schönste Museum der Welt aufzubauen, hatte sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen.

So schrieb Posse am 14. Dezember 1939 an Reichsleiter Martin Bormann, über den seine Verbindung zu Hitler lief: „… bitte ich um Anweisung des Sicherheitsdienstes in Wien, daß nunmehr auch die noch ausstehenden beiden Räume des Palais Rothschild in der Theresianumgasse, der sog. ‚Haager Salon‘ und der ‚Museumssaal‘, der wertvolle alte Wandverkleidungen und Ledertapeten, einen gotischen Steinkamin, einen Renaissance-kamin, Renaissancetorbogen und Türen enthält, ausgebaut wird.“ Dummerweise ver-langte das Reichsfinanzministerium für die in Reichseigentum übergegangenen beiden Rothschildschen Kunstsammlungen eine Steuernachzahlung. Doch Posse wußte Rat: Der Führer möge doch durch Erlaß die Erwerbung wegen ihrer Gemeinnützigkeit von der Versteuerung ausnehmen.

Der Krieg unterbrach die Bestandsaufnahme in Österreich, denn nun stürmten neue Anforderungen auf den „Sonderauftrag Linz“ ein. Im Gefolge der siegreichen Wehr- macht hatten sich Scharen von Kunsthyänen auf ihre Raubzüge durch Europa begeben, allen voran der Einsatzstab Rosenberg, der bewußt die Haager Landkriegsordnung brach. Mit von der Partie waren die Agenten Hermann Görings, ein Bataillon zur beson-deren Verfügung des Reichsaußenministers von Ribbentrop, Kunstschutzoffiziere des Heeres, später die SS.

Damit der Vorrang von Linz gewahrt bleiben konnte, mußte der „Führervorbehalt“ territorial immer weiter ausgedehnt werden. Galt er zunächst nur für Österreich, so seit Oktober 1940 auch für das Altreich und die inzwischen besetzten Gebiete, seit Mai 1941 ebenfalls für das Protektorat Böhmen und Mähren, und vom Sommer 1941 an für die eroberten sowjetischen Gebiete und für das Generalgouvernement in Polen.

Auch der Sache nach wurde der Führervorbehalt ausgeweitet. Erlaß des Reichsministers und Chefs der Reichskanzlei, Hans-Heinrich Lammers, Ende Juli 1941: „Hiermit ist dem Führer die Entscheidung nicht nur über beschlagnahmte Gemälde, sondern auch über beschlagnahmte Skulpturen, Bücher, Möbel, Gemmen, Waffen, Teppiche usw., soweit diese wegen ihres künstlerischen Wertes als Kunstwerke zu bezeichnen sind, vorbehalten. “

Die Organisation „Sonderauftrag Linz“ wurde wie eine Geheime Reichssache behandelt. Sie war Hitler und Bormann unmittelbar unterstellt; um die Finanzen kümmerte sich Lammers. Direktor Posse umgab sich mit einem kleinen Stab von Mitarbeitern. Nach sei-nem Tod berief Hitler gleich vier oberste Sachbearbeiter: Posses Nachfolger, Professor Hermann Voß, war nur noch zuständig für Gemälde und Plastiken; für „Waffen von künstlerischer Bedeutung“, „für Münzen und Medaillen“ und „für Bücher und Schrifttum“ berief er jeweils einen anderen Fachmann.

Erst zu Hitlers Geburtstag am 20. April 1943 – drei Monate nach der Niederlage von Stalingrad – durfte Heinrich Hoffmann in seiner Zeitschrift Kunst dem Volk ein wenig den Schleier über Linz lüften und einige von Hitlers Schätzen vorzeigen. Das Titelblatt schmückte eines der berühmtesten Gemälde der Welt: „Die Künstlerwerkstatt“ von J. Vermeer van Delft, erworben „aus Wiener Privatbesitz“. Dazu Hoffmann: „Der amerika-nische Staatssekretär Mellon (gemeint war der Multimillionär Andrew Mellon – D.Z.) hatte für dieses einzigartige Werk sechs Millionen Dollar geboten. Heute ist es fester Besitz des deutschen Volkes.“ Die Umstände des Kaufes verschwieg Hoffmann. Hitler hatte nämlich das Bild weit unter Wert bekommen – für 1,4 Millionen Mark plus 250 000 Mark Steuern. Der Vorbesitzer, die Familie Czernin, eine der angesehensten des Landes, hatte jahrelang allen Kaufangeboten widerstanden. Die Czernins waren keine Nazis. Nur zu gern hätte man ihnen am Zeug geflickt. Aber man konnte sie beim besten Willen nicht als „staatsfeindlich“ oder als „jüdisch versippt“ bezeichnen. Steuerschulden hatten sie auch keine. Also konnten die Nazis das Bild weder beschlagnahmen noch versteigern lassen. Doch beständiger Druck machte die Brüder Jeromir Czernin-Morzin und Graf Eugen Czernin, denen das Bild gemeinsam gehörte, schließlich weich. Am 30. September 1940 fuhr Posse im Auftrag Hitlers nach Wien, um den Kaufvertrag abzuschließen – es sollte nun sehr schnell gehen. Am 12. Oktober bereits konnte der Architekt Hans Reger, der im Münchner „Führerbau“ alle für Linz bestimmten Kunstgüter inventarisieren mußte, den Vermeer in Empfang nehmen. Heute hängt es im Kunsthistorischen Museum zu Wien.

Jeromir Czernin-Morzin wollte es nach dem Krieg vor Gericht zurückerstreiten, unterlag jedoch in allen Instanzen. Nach österreichischem Recht durfte ehemaliges Reichseigen-tum als Reparation einbehalten werden.

Mit welcher Selbstherrlichkeit sich Hitler über die Richtlinien der eigenen Regierung hinwegsetzte, wenn er ein berühmtes Bild begehrte, enthüllt eine andere Geschichte, die ebenfalls in Wien spielt: Anfang September 1942 bot ein Dr. Hermann Leber Tizians „Venus und Cupido“ für 700 000 Mark zum Verkauf an. Einzige Bedingung: es mußte sofort gezahlt werden. Da Hitler dieses Bild unbedingt haben wollte, schoß Reichsstatt-halter Baldur von Schirach die Summe erst mal vor. Hinterher stellte sich heraus, daß der Betrag in Lire transferiert werden mußte, denn der ehemalige Besitzer lebte in Italien. Reichsminister Lammers erhob schwerwiegende Bedenken, da das Reichsfinanz-ministerium „für alle nicht lebensnotwendigen und kriegswichtigen Dinge“ den Devisen-transfer nach Italien untersagt hatte. Mit dem Vermerk „Eilt sehr. Sofort auf den Tisch“ funkte Bormann am 26. Oktober 1942 aus dem Führerhauptquartier, Schirach habe dem Transfer bereits zugestimmt. Lammers gab sich damit nicht zufrieden – ohne Kenntnis Hitlers wollte er nicht die Devisenbestimmungen umgehen. Jedoch Hitler fand nichts Anrüchiges daran; er bewilligte die Devisen, „da das Bild nun doch schon von ihm gekauft worden sei“.

Den ersten großen Raubzug außerhalb der Grenzen unternahmen die Deutschen in Polen. Posse berichtete nach einem Besuch Ende 1939: „In Krakau waren fast täglich Waggons mit den sichergestellten Kunstwerken aus öffentlichem, kirchlichem und privatem Besitz im Anrollen.“ Er inspizierte das Beutegut, doch für das Museum in Linz wollte er kaum etwas haben, nicht einmal den berühmten Veit-Stoß-Altar aus der Krakauer Marienkirche, den die SS nach Nürnberg brachte. (Allerdings konnte er nicht der Versuchung widerstehen, einige Stücke für seinen Dresdner Zwinger zu reservieren.)

Ihm sei das Ganze „nicht geheuer“, sagte Posse seinem Assistenten Gottfried Rei-mer. Den Mitarbeitern schärfte er ein, sie sollten bei jedem beschlagnahmten Stück mit größter Sorgfalt den jeweils letzten Eigentümer schriftlich festhalten. Diese Gründlich-keit hat es nach dem Krieg den Alliierten sehr erleichtert, geraubtes Gut in die Urspr-ungsländer zurückzuführen.

Auch in Frankreich, wo sich die Nazis sofort über den jüdischen Kunstbesitz hermach-ten, in erster Linie wieder über den Rothschildschen (nahezu 4000 Kunstwerke), hielt sich Posse eher zurück. Denn dort beherrschte bereits der Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg mit seinem „Sonderstab Bildende Kunst“ das Feld. Über ihm hielt – gewiß nicht uneigennützig – Göring seine schützende Hand. Nach Hitler hatte er sich die zweite Wahl ausbedungen. Da er als Oberbefehlshaber der Luftwaffe sein Hauptquartier in Frankreich aufgeschlagen hatte, konnte er oft im Pariser Museum Jeu de Paume, wo die Beute gestapelt wurde, nach dem Unrechten sehen. Er verstand es, hinter dem Rücken Hitlers wertvolle Schätze für seine eigene Galerie in Karinhall beiseite zu schaffen. Anfang März 1941 ließ sich Göring dort auch, im Beisein einiger Zeugen, die Rothschild-juwelen zeigen. Aus einer Kiste griff er sich einen Ring, streifte ihn an seinen Finger, ließ ihn durch einen anwesenden französischen Experten schätzen und behielt ihn als Eigen-tum, nachdem er den Schätzwert von 100 000 Francs angewiesen hatte.

Göring sortiert die Juwelen

Ende Januar 1941 wurde in Paris der erste Teil des Beutetransports zusammengestellt – 25 Waggons „mit in Kisten verpackten Gemälden, historisch wertvollen Möbeln, Porzellan, Fayencen und Plastiken“. Göring stellte dafür einen Sonderzug bereit, den er durch Luftwaffeneinheiten bewachen ließ.

Da die Luftschutzkeller des Münchner Führerbaus diese riesige Beute nicht mehr aufnehmen konnten, entschied Hitler, daß die Kunstwerke aus Paris auf Schloß Neu-schwanstein bei Füssen untergebracht werden sollten. Bis 1944 wurden dort genau 21 903 Kunstgegenstände abgeliefert – nur 53 Bilder erhielten den Aufdruck „A. H. Linz“.

Die von Göring persönlich ausgeschiedenen 31 Packstücke mit den Rothschildjuwelen gelangten nach Berlin, wo sie im Keller des Reichsluftfahrtministeriums verwahrt wurden. Görings Privatsekretärin Gisela Limberger sagte nach dem Krieg aus, der Reichsmarschall habe Juwelen vor sich auf den Tisch gelegt und sie in fünf bis sieben Haufen verteilt, von denen er zwei zum Verkauf ausschied. Der Rest sollte zu gleichen Teilen an Hitler und Göring gehen. Tatsächlich förderten die Amerikaner im Mai 1945 aus dem Salzbergwerk Altaussee, wo Hitler seine Linzer Sammlungen versteckt hatte, vierzig Pappschachteln mit Rothschild-Juwelen zutage.

Anders als in Frankreich, wo ihm Göring immer wieder in die Quere kam, hatte Direktor Posse in Holland freie Hand. Schon einen Tag nach der Kapitulation Hollands, am 16. Mai 1940, war der beamtete Kunsträuber Dr. Kajetan Mühlmann im Haag eingetroffen, um Kunstschätze zu beschlagnahmen oder sicherzustellen. Mühlmann hatte schon vor 1938 als Kunstagent Görings in Wien gearbeitet. Als Staatssekretär im Generalgouvernement (Polen) tat er sich hervor, indem er dreißig Zeichnungen von Dürer konfiszierte. Göring schenkte sie Hitler, und der hing sie sich ins Führerhauptquartier.

Die Dienststelle Mühlmann arbeitete in Holland eng mit dem „Sonderauftrag Linz“ zusammen. Posse fuhr im Juli 1940 zum erstenmal in das besetzte Land. Es war höchste Zeit. Denn inzwischen hatten Scharen deutscher Kunstaufkäufer den Markt durcheinan-dergebracht und die Preise hochgetrieben. Deshalb regte Posse bei Bormann an, doch künftig die Preise auf 1000 Gulden pro Stück zu begrenzen. Dies hinderte ihn selber freilich nicht, wenn nötig, jeden Preis zu zahlen – Geld spielte für Hitler keine Rolle. Damit Posse jederzeit bar bezahlen und anderen Käufern zuvorkommen konnte, ließ er bei der Rotterdamschen Bankvereinigung im Haag ein Sonderkonto einrichten. Das Geld wurde vom Reichsminister Lammers über die Bank Delbrück Schickler & Co. angewiesen , die damit das Konto R „Dankspendenstiftung (Sonderfonds)“ belastete (also die Zuweis-ungen der Industrie an Hitler).

Bis zum 23. Januar 1942 waren für Posse allem in Holland schon 7,5 Millionen Reichsmark überwiesen worden. Ein halbes Jahr später hatte Posse nochmals 2,7 Millionen ausgegeben, und er bat, das Konto wieder aufzufüllen. Aber es lohnte sich auch:

„Ich melde, daß in den nächsten Tagen die erste Sendung von hauptsächlich hollän-dischen Erwerbungen (68 Gemälde und Skulpturen) an den Führerbau in München … abgeht“, schrieb Posse am 28. November 1940 an Bormann. Er lieferte wie immer das Feinste vom Fernen: Breughel, Rubens, Rembrandt, Ruisdael, Canaletto. Eine Erfolgsmel-dung jagte die andere: 15. 1. 41: Handzeichnungen aus der Sammlung Koenig; 25. 2. 41: 26 Gemälde, dabei die „Kreuzschleppung“ von P. Breughel d. J. und drei Rubens, ein Männerbildnis von Rembrandt und ein Jan Steen („Empfang der Braut“); 21. 7. 41: 18 Gemälde, dabei Goya, Watteau, Tintoretto; 30. 7. 41: Aussicht auf Erwerb von Rembran-dts „Pfauenstilleben“.

Ein Zeitgenosse erinnerte sich später, wie er einmal in Dresden Professor Posse begegnet sei, der gerade, „alle Taschen voll holländischer, belgischer und französischer Devisen“, von der Bank kam. Er wollte mit dem Nachtzug nach Den Haag fahren, um für Hitler zwei Frans Hals zu kaufen. Auf die Frage, ob man den so ohne weiteres bekäme, antwor-tete Posse: „Wenn sie nicht da sind, werden sie halt vom Gauleiter Seyß-Inquart beschlagnahmt!“ Nun, in der Praxis genügte schon die Androhung, um Kunsthändler oder Besitzer verkaufswillig zu machen oder um den Preis zu drücken. Derart „legal erworbene“ Gemälde hängen heute in bundesdeutschen Museen …

Beispielhaft für Posses Einkaufspraktiken ist der Erwerb der berühmten Sammlung Mannheimer. Der nach Holland emigrierte Bankier und Multimillionär Fritz Mannhei-mer hatte sich eine ansehnliche Sammlung von Gemälden, antikem Silber, Golddosen, Kristall und Gobelins zugelegt. Der größte Teil lagerte noch in Amsterdam. Nach dem plötzlichen Tod Mannheimers im August 1939 und dem Zusammenbruch seines Amster-damer Bankhauses Mendelssohn & Co. hatten die Gläubiger die Hand darauf gelegt…

Posse machte bereits im Oktober 1940 Bormann auf diesen Schatz aufmerksam. Am 4. Februar 1941, 20.40 Uhr, telegraphierte Bormann an Generalkommissar Schmidt im Haag: „Eilt sehr! Sofort vorlegen. Bitte unterrichten Sie sofort Herrn Dr. Posse, der sich in Holland aufhält. Der Führer wünschte sofortigen Ankauf der Sammlung Manheimer.“ (Anscheinend gab es mitten in der Winterschlacht vor Moskau für Hitler nichts Eiligeres zu tun.) „Diese Sammlung soll sofort durch Herrn Dr. Posse im Auftrag des Führers gekauft werden. Ich bitte den Reichskommissar, den Verkauf an andere Stellen nicht zu genehmigen, sondern einen sofortigen Verkauf an Dr. Posse zu unter-stützen. Heil Hitler!“

Gläubiger unter Druck

Das Kaufangebot Posses betrug fünf Millionen Gulden (etwa sieben Millionen Mark), weit unter Wert. Doch die Gläubiger akzeptierten es, da die Deutschen drohten, widri-genfalls jedes Objekt als Feindvermögen zu beschlagnahmen. Die Summe entrichtete übrigens Reichskommissar Seyß-Inquart, seinem Führer zuliebe, aus einem Sonder-fonds.

Hitler schwärmte nicht nur für die holländischen, sondern auch für die italienischen alten Meister. Aber in Italien, bei dem Achsenpartner des Deutschen Reiches, konnte der „Sonderauftrag Linz“ nicht frei schalten und walten wie im eroberten Westeuropa. Um an die besten Stücke heranzukommen, bedurfte es subtilerer Methoden. Direktor Posse konnte als Aufkäufer eben erstklassigen Mittelsmann vorausschicken: den Oberpräsiden-ten von Hessen-Nassau, Prinz Philipp von Hessen. Dieser Nachfahre des deutschen Kais-ers Friedrich III. und der Queen Victoria, Schwiegersohn des italienischen Königs Viktor Emanuel III., war 1922 mit den Faschisten auf Rom marschiert und stand als SA-Führer hoch in der Gunst Hitlers. Er hatte guten Geschmack, ein großes Kunstverständnis und kannte viele italienische Kunsthändler. Wer hätte ihm ein Geschäft abschlagen mögen? Zumal im Wendejahr 1941, als sich die Italiener wegen ihrer militärischen Niederlagen den Deutschen auf Gedeih und Verderb ausliefern mußten.

Allein im Frühjahr 1941 reisten Posse und der Prinz dreimal über die Alpen. Auch hier spielte Geld keine Rolle. Kaum hatte Posse eben glänzenden „Fischzug“ hinter sich, mußte das Sonderkonto bei der deutschen Botschaft in Rom schon wieder um eine halbe Million Reichsmark aufgefüllt werden. Nur in eigenen Geldsachen gerierte sich der säch-sische Beamte penibel. Als sich Posse die Möglichkeit bot, von München in einem Sonder-zug mitzufahren, der die Gemälde aus Italien abholen sollte, fragte er eigens bei Bormann an, „ob ich einen Fahrschein lösen muß, wenn ich in dem Sonderzug fahre, oder ob das nicht erforderlich ist“.

Bis zum Juni 1942 hatten Posse und der Hessenprinz von getrennten Konten in Italien bereits 7 651 488 Reichsmark ausgegeben! Der Gegenwert durfte sich sehen lassen. Begeistert „meldete“ Posse am 23. März 1941, er habe in Rom, Neapel, Florenz, Turin und Genua etwa 25 Gemälde für den Führer erworben, darunter „ein unbekanntes bedeuten-des Männerbildnis von Tizian“ und „ein sehr großartiges Doppelbildnis von Tintoretto“.

Ein Geschenk des Duce?

Ähnlich seine Meldung an Bormann vom 18. Juni 1941: Diesmal brachte er zehn „zum größten Teil sehr bedeutende Gemälde“ heim, „darunter 2 Hauptwerke von Tintoretto, 1 Galviati, 2 Piazzetta, 1 Antonio Canaletto“; über eine gleiche Anzahl werde noch verhan-delt, zum Beispiel ein frühes Reiterbildnis von Rubens oder „eine besonders schöne Decke aus dem Palazzo Mocenigo in Venedig von Sebastiano Ricci“.

Der Ricci ist heute in der Galerie Dahlem zu bewundern, als Bundeseigentum, „legal erworben“. Vor gut zehn Jahren freilich hagelte es heftige Proteste aus Italien. Graf de Robiland behauptete, sein Vater, der Eigentümer des Deckengemäldes, sei vom Hessen-prinzen und später auch vom italienischen Außenminister, Graf Ciano, dem Schwieger-sohn des Diktators Mussolini, so lange unter Druck gesetzt worden, bis er in den Verkauf einwilligte. Den Italienern kam es auch merkwürdig vor, daß die Amerikaner 1947 und die Deutschen noch 1952 vorgegeben hatten, nichts über den Verbleib des Ricci zu wissen.

Der für Hitler stolzeste Erwerb in Italien war Makarts Breitwandgemälde „Die Pest in Florenz“ (Heinrich Hoffmann durfte es 1943 in Kunst dem Volk als farbiges Faltblatt-Faksimile vorführen). Am 29. September 1940 hatte Posse dem Reichsleiter Bormann aufgeregt die Neuigkeit mitgeteilt, daß die italienische Regierung die Villa der Familie Landau-Finaly, die mit den Rothschilds verwandt war, „sequestiert“ habe – dort hing der Makart, um den sich vor dem Krieg im Auftrag Hitlers schon Kunsthändler Haberstock bemüht hatte. „Vielleicht ist das Gemälde nun auf diplomatischem Wege erreichbar.“ Doch Hitlers Vermögensverwalter Martin Bormann war längst auf dem Quivive – erst auf eine Empfehlung aus dem Führerhauptquartier hin hatten die Italiener die Villa beschlagnahmt. In den Linzer Listen wurde das Bild als „Geschenk des Duce“ an Hitler eingetragen – heute schmückt es die Münchner Pinakothek.

Die Geschäfte auf dem italienischen Kunstmarkt wurden in bar, aber ohne Rechnung abgewickelt. Reichsminister Lammers und das Finanzministerium achteten jedoch auf peinlich genaue Buchführung. Darum ließ sich der Prinz von Hessen vom Einsatzstab Rosenberg Quittungsformulare mitgeben, in die er nur noch Namen, Datum, Bildtitel und Summe einzutragen brauchte. Da hieß es: „Auf den Kaufpreis habe ich in bar … Lire an den Verkäufer bezahlt. Der Restbetrag von … Lire ist vereinbarungsgemäß durch Überweisung zu entrichten. Auf Bitten des Verkäufers ist unter Berücksichtigung der Verhältnisse in Italien von der schriftlichen Niederlegung eines Kaufvertrages und von der Ausstellung einer Rechnung abgesehen worden.“ Schließlich wurde es der italienischen Regierung zuviel – denn außer Hitler ließ auch noch Reichsmarschall Göring nebst anderen hohen Nazis den Kunstmarkt leerkaufen. Viele der angekauften Kunstgüter standen auf der Exportsperrliste; in jedem einzelnen Falle mußten die Deutschen um eine Ausfuhrgenehmigung nachkommen. Erziehungsminister Bottai hielt dem deutschen Botschafter von Mackensen vor, dieser Zustand sei „durchaus unwürdig“: Eben allgemeinen Ausverkauf, ohne deutsche und französische Kunstäquiva-lente, könne er unmöglich hinnehmen.

Trotz solcher Bedenken ließ sich aber Hermann Göring nicht davon abbringen, Mussolini bei dessen Besuch an der Ostfront im Sommer 1941 zu bitten, ihm doch für seine in Rom festliegenden 33 Kisten mit Kunstgegenständen die Ausfuhrabgabe zu erlassen. Der Duce war einverstanden, brachte damit aber die ans Gesetz gebundenen Beamten seines Finanzministeriums in Verdrückung. Sie verfielen schließlich auf die rettende Idee, den Wert der Kunstgüter, mit denen Göring seinen Landsitz Karinhall in der Schorfheide garnieren wollte, einfach ganz niedrig anzusetzen.

Aller Rücksichten ledig fühlten sich die Deutschen erst im Herbst 1943, als der Duce gestürzt und das italienische Königreich ins Lager der Alliierten übergewechselt war. Nun plünderten sie auch die Galerien des ehemaligen Verbündeten. 600 Bilder sind seit 1945 verschollen, ganze Sammlungen verschwunden. In welchen Verstecken, Safes oder Depots mögen die Gemälde liegen? Wo sind sie gelandet – diesseits und/oder jenseits des Atlantik? Plündern gehörte immer zum Kriegshandwerk; auch alliierte Offiziere und Soldaten haben Schätze mitgehen lassen; gelegentlich taucht Verschollenes wieder auf – sei es jüngst die Blaue Mauritius aus dem Reichspostmuseum in den USA oder ein Gemälde aus Sanssouci in der Sowjetunion. Das Einzigartige am NS-Kunstraub jedoch war die staatliche Sanktion.

Den letzten Raubzug in Italien hat der Sonderbeauftragte Posse nicht mehr erlebt. Bei unermüdlichem Einsatz für „sein“ Linzer Museum hatte er sich die Gesundheit ruiniert. Als er im März 1942 zusammenbrach, schickte ihm Hitler seinen Leibarzt Brandt. Handschriftlich bedankte sich Posse bei Bormann am 28. März 1942: „Ich bin aufs tiefste gerührt durch die mir erwiesene Anteilnahme an meinem persönlichen Befinden und bitte Sie, dem Führer für die mir nun wiederum erwiesene große Güte meinen ergebens-ten und allerherzlichsten Dank zum Ausdruck zu bringen.“

Direktor Hans Posse starb am 7. Dezember 1942 an Mundkrebs. Bis kurz vor seinem Tode hat er noch am Linzer Projekt gearbeitet, selbst noch im Berliner Krankenhaus. Hitler ordnete ein Staatsbegräbnis an. Die Trauerrede hielt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der so tief in die Leier griff („aus der Tiefe meines Herzens“), daß es den versammelten deutschen Museumsdirektoren nachgerade peinlich war. Posse, so der Redner, habe sich immer „in der wärmenden Sonne“ von Hitlers Vertrauen fühlen dürfen. Er habe „in vorderster Reihe der kämpfenden Kunstfront gestanden“; und sein Werk sei „für alle Ewigkeit in den Besitz des deutschen Volkes“ gekommen – wenigstens eine Prophezeiung des Lügenministers, die halbwegs zutraf.

Goebbels rühmte Posse nach, er habe binnen drei Jahren 1200 Gemälde für das Linzer Museum gesammelt. Bis zum Kriegsende sollten es noch viel mehr werden, abgesehen von den vielen Beutestücken, für die sich Hitler die Option vorbehalten hatte. Allein im Salzbergwerk Altaussee entdeckten die Amerikaner im Mai 1945 5350 Gemälde alter Meister, 21 Nazi-Kunst-Gemälde, 220 Zeichnungen und Aquarelle, 1039 Stiche, 95 Gobelins, 68 Skulpturen, 32 Kisten mit Münzen, 128 Waffen und Rüstungen, 64 Möbelstücke, 79 Körbe und 43 Kisten mit Kunstgegenständen, 237 Bücherkisten sowie das Gordon-Craig-Theater-Archiv aus Frankreich – allesamt für Linz bestimmt. Aber Teile von Hitlers Kunstbesitz lagerten noch an mindestens zehn anderen Stellen – die Sammlung Mannheimer zum Beispiel wurde im böhmischen Kloster Hohenfurth wiedergefunden. Manches lagerte in Altaussee, was Hitler noch nicht für sich reklamiert hatte, darunter etliche belgische Nationalheiligtümer, die er nach dem erhofften „Endsieg“ vielleicht auch nach Linz geschafft hätte: so der berühmte Genter Altar der Gebrüder van Eyck, Dirck Bouts’ Altarbild aus Löwen und Michelangelos marmorne Madonna aus der Liebfrauenkirche in Brügge.

Fast wären die ganzen Kunstschätze für immer verloren gewesen: Der Gauleiter von Oberdonau, August Eigruber, hatte im April 1945 von Bormann einen widersprüchlichen Befehl Hitlers erhalten: er sollte einerseits die Schätze in Altaussee auf keinen Fall in Feindeshand fallen lassen, anderseits auf jeden Fall dafür sorgen, daß keiner der Schätze den geringsten Schaden erleide. Eigruber entschied sich für die Sprengung der Grube. Bergarbeiter mußten in den Gewölben Sprengpatronen anbringen. Widrigenfalls drohte ihnen das Standgericht. Doch die Grubenarbeiter und österreichische Widerständler überlisteten den Gauleiter – sie kamen mit dem gefürchteten Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, ins Geschäft, der sich in die Alpen abgesetzt hatte: Ihm verschafften sie auf einer Berghütte Zuflucht vor den nahenden Amerikanern, dafür ermöglichte er ihnen, unbemerkt von den SS-Wachen die Sprengsätze zu entfernen.

Monatelang brauchten die Amerikaner, bis sie die Schätze geborgen und nach München transportiert hatten, wo alles an einem „Collecting Point“ gelagert wurde. Experten aus den ehemals besetzten Ländern kamen dorthin, um die mehr als 13 000 Kunstwerke zu identifizieren und ihre Eigentümer zu ermitteln. Die Rückerstattung der Nazi-Beute dauerte länger als der Zweite Weltkrieg. Erst 1952 übergaben die Amerikaner die Restbestände ihrer Sammelstelle einer deutschen Treuhandverwaltung, die dem Auswärtigen Amt in Bonn unterstand. Auch in den folgenden Jahren wurden noch Kunstgüter an ehemalige Besitzer oder deren Erben zurückerstattet.

Gleich nach der deutschen Kapitulation hatten Offiziere des amerikanischen Geheimdienstes – hervorragend geschulte Kunstexperten – damit begonnen, jene Personen, soweit man ihrer habhaft wurde, zu vernehmen, die für den „Sonderauftrag Linz“, für die Sammlungen Görings und für den Einsatzstab Rosenberg gearbeitet hatten. In einem geheimen „Consolidated Interrogation Report Nr. 4“ empfahlen sie der amerikanischen Regierung, man solle die Sonderkommission Linz zur verbrecherischen Organisation erklären. Doch ihr Bericht verschwand in den Archiven – niemand aus Posses Stab wurde angeklagt.

Die Wiedergutmachung in Sachen Kunstraub wurde in Österreich praktisch mit dem Staatsvertrag 1955 abgeschlossen, in der Bundesrepublik endete sie 1962, als sich die Treuhandverwaltung auflöste und ihre Schätze dem Bundesschatzministerium aushändigte. Einiges fehlte: 1952 hatten die Amerikaner aus der Münchner Sammelstelle pauschal 960 Gemälde, deren Eigentümer bis dahin noch nicht ermittelt werden konten, an Österreich gegeben. Versuche der Bundesrepublik Deutschland, diesen Bestand zurückzuerhalten, blieben erfolglos.

Der damalige Bundesschatzminister Werner Dollinger berief 1962 eine Kommission namhafter Kunstexperten, die ihm bei der Verteilung des Hitlerschen und Göringschen Erbes beraten sollte. Die Gemälde wurden auf Schloß Schleißheim bei München ausge-stellt, wo jeder Museumsdirektor seine Bestellung aufgeben konnte. Zuvor hatten sich der Bund und das Land Bayern geeinigt, den Göringschen Besitz zu teilen, da nicht genau auszumachen war, was dem Reichsmarschall privat gehört und was er als Reichseigen-tum verwaltet hatte. (Nach den alliierten Gesetzen ging der Kunstbesitz von Naziführern in den Besitz der heutigen Bundesländer über.)

Was die vom Deutschen Reich (sprich Hitler und Göring) legal erworbenen Kunstgüter anbelangt, so hatte die Bundesregierung schon in den sechziger Jahren ein gutes Gewissen. Im Bulletin ließ sie 1968 Pressemeldungen dementieren, daß es sich um ehemaligen „Nazi-Besitz“ oder um „geraubtes Kunstgut“ handle. Dr. Rike Wankmüller, ohne deren Übersicht und Kenntnisse die Eigentumsverlagerung vom Reich auf den Bund und die Ausleihe an Museen und Ämter nicht so zügig hätte ablaufen können: „Es ist doch alles anhand der Listen und Nummern geprüft worden. Die Alliierten und die Treuhandverwaltung haben ja noch bis 1962 restituiert.“ Frau Wankmüller, sie leitete das Kunstreferat der bayerischen Oberfinanzdirektion, kann sich nur an drei Fälle erinnern, in denen frühere Besitzer oder deren Erben Bilder später noch zurückforderten.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt. Zwar mußten selbst die Fahnder des amerikanischen Geheimdienstes einräumen, daß die meisten Verkäufe an Hitler und Göring freiwillig getätigt wurden und die Kollaborateure in den besetzten Gebieten den Agenten des „Sonderauftrags Linz“ enthusiastisch nachrannten. Aber im „Report Nr. 4“ stehen auch folgende Sätze: „Die oberflächlich legalen Käufe durch Linker Agenten begünstigten den bewußten Versuch der Nazis, die Volkswirtschaft der besiegten Völker zu ruinieren. Die Nazis tauschten ungedecktes Papiergeld gegen reales Vermögen.“ (Neuerdings liegen Indizien vor, daß die Nazis auch mit gefälschten Banknoten bezahlt haben.)

Wie auch immer, für die Bundesrepublik und für Österreich ist Kunstraub seit anderthalb Jahrzehnten kein Thema mehr. Kunstwerke, die legal erworben wurden oder die mangels Beweises oder Anspruchs nicht ihren übervorteilten oder unter Zwang gesetzten früheren Besitzern zurückgegeben werden konnten, verfallen dem Staate. Kann trotzdem jemand auch nach 40 Jahren noch eben Rechtstitel vorweisen, so wird man den Einzelfall prüfen. Zumindest in der Bundesrepublik räumen jedoch die Experten ein, daß die Treuhänder und Erben des „Reichsvermögens“ nicht in allen Fällen die Provenienz eines Bildes haben klären können. Da könnte vielleicht ein Schlüsseldokument weiterhelfen, das 1945 den alliierten Geheimdienst-Detektiven entgangen ist: die Tagebücher Hans Posses. Seine Witwe, Frau Elise Posse, war nach dem Tod ihres Mannes von Dresden nach Süddeutschland gezogen, ebenso wie der in Berlin ausgebombte Haberstock. 1950 ist Frau Posse in Heidenheim gestorben. Ihren ganzen Besitz hatte sie dem Auftraggeber ihres Mannes vermacht, aber der konnte das Erbe nicht mehr antreten, weil er am 30. April 1945 im Bunker der Reichskanzlei eines unnatürlichen Todes gestorben war. Als Alleinerbin setzte Frau Posse dann ihre Nichte ein: Gertrude Seiler geb. Möhring, die in Brieselang bei Nauen, also in der DDR lebte. Anfang 1951 wandte sich Karl Haberstock brieflich an die Nichte mit der Bitte, ihm doch Einblick in die Tagebücher seines Freundes und Kollegen Posse zu gewähren. In einem Persilkarton, so erinnert sich die Familie Seiler, wurden die Tagebücher mit der Post nach München geschickt. Als drei Jahre später die Nichte die Rückgabe anmahnte, da, so erinnert sich ihr Sohn, habe Haberstock erwidert, die Tagebücher seien das Porto nicht wert.

Immerhin hat er sie für so wertvoll erachtet, daß er sie dem Germanischen National-museum in Nürnberg anvertraute. Dort liegen sie noch immer – gesperrt bis zum Jahre 1993. Der Eigentumsanspruch der Familie Seiler wurde vom Museum nicht anerkannt, weil sie keine Briefe mehr vorlegen konnte, aus denen belegt werden könnte, daß die Tagebücher an Haberstock nur ausgeliehen, nicht ihm überlassen wurden.

Warum wird dieses historisch wichtige Dokument vor der Öffentlichkeit geheimgehal-ten? „Die Tagebücher enthalten zahlreiche Namen von noch lebenden Persönlichkeiten“, schrieb Archivdirektor Ludwig Veit am 29. Juni 1984 der ZEIT, „so daß wir keine Möglich-keit sehen, die Benützungssperre vor dem Jahre 1993 aufzuheben bzw. zu lockern.“ Nach wie vor hält das Museum an der Regel fest, daß private Nachlässe erst fünfzig Jahre nach dem Tod offen zugänglich sein dürfen, sofern nicht anders verfügt wurde. Nach dieser formalrechtlichen Logik müßte ein Tagebuch Martin Bormanns, worin er über Hitlers Vermögensverhältnisse und Kunstaufkäufe Protokoll führte und das irgend jemand vor Jahren einem Archiv ausgehändigt hatte, sogar bis 1996 gesperrt bleiben.

Wenn es denn stimmt, daß sich in den Tagebüchern Hans Posses „alle Einträge ausschließlich auf das von Hitler geplante Museum in Linz (beziehen)“, so seinerzeit die Auskunft von Archivdirektor Veit, dann werden unter Umständen Hinweise auf den Verbleib verschollener Kunstschätze oder Belege für die Eigentumsrechte an Bildern seit Jahrzehnten mit amtlicher Duldung geheimgehalten. Kunstraub bleibt ein kriminelles Delikt, auch wenn die Kommission „Sonderauftrag Linz“ in Nürnberg nicht ange-klagt wurde. In jenen Jahren, als die Erinnerung an den größten Kunsträuber der Geschichte – er hieß Adolf Hitler – noch frisch war, da hätte es für die Geheimniskräme-rei mit den Tagebüchern Posses nur ein Wort gegeben: Verdunkelung eines Kriegsver-brechens.

Informationen zu diesem Dossier lieferte Georg Stein

Über stasifolteropferadamlauks

I am 66 Years old and I do promote acommodations on the adriatic´s sea beaches for holiday in apartments close to the sea-close to the mediteranian beauty. I am still victim of torture in STASI-Prison 1982-1985. I never reacht Justice and satisfaction by Germany´s goverment after 30 Years ! I am fighting for the implementation of § TORTURE in Germany´s low.
Bild | Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s